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(Bild: pixabay)

Ein Licht am Ende des Tunnels: Frauenhaus Nordschwaben

Im aktuellen blättle berichten wir über die Arbeit des Frauenhauses Nordschwaben. Dafür haben wir auch ein Gespräch mit einer der Sozialpädagoginnen des Frauenhauses geführt. Aus Gründen der Sicherheit bleibt der Name unserer Gesprächspartnerin ungenannt.
Was sie uns erzählt hat, lest ihr hier, den ganzen Artikel im blättle Nummer 16.

DRA: Wie verläuft generell ein Anruf beim Frauenhaus?
Dieses erste Gespräch kann ganz unterschiedlich ablaufen. Bei rund der Hälfte der Frauen ist die Entscheidung, in ein Frauenhaus zu gehen dann bereits gefallen. Bei solchen Anrufen geht es ganz konkret darum, ob die Aufnahme ins Frauenhaus notwendig ist, ob wir einen Platz frei haben oder wohin wir sie gegebenenfalls vermitteln können. Wir versuchen herauszufinden, welche Art von Gewalt vorliegt, ob sie alleine kommt oder mit Kindern, ob der Gewalttäter sie suchen würde oder nicht. Wir müssen auch versuchen herauszufinden, ob eine echte Gefahr besteht oder ob es sich bei der Anruferin um eine Obdachlose handelt, die irgendwo unterkommen möchte, diese Fälle gibt es auch. Oder auch Frauen, die z. B. an Alkohol- oder Drogensucht leiden oder eine Psychose haben, können wir nicht aufnehmen, da wir keine Einrichtung mit 24-Stunden Betreuung sind. Die andere Hälfte der Frauen, die uns anrufen, schildern uns ihre Problematik und fragen, was sie tun können. Sie suchen erst einmal einen Rat. Manchmal ist es auch so, dass nicht die Betroffene selbst, sondern eine Freundin oder Verwandte bei uns anruft und Beratung sucht.

DRA: Wie läuft dann die Aufnahme ins Frauenhaus ab?
Wenn die Aufnahme von uns für nötig befunden wird und von der Betroffenen der konkrete Wunsch nach Aufnahme geäußert wurde, wird ein Termin mit Uhrzeit und neutralem Treffpunkt vereinbart. Dort wird die Betroffene von uns abgeholt und ins Frauenhaus gebracht. Idealerweise hat sie wichtige Dokumente wie Personalausweis, Versicherungskarten, Bankkarten, etc. einpacken können – falls nicht, müssen diese besorgt werden, wenn es nicht anders geht auch mit Polizeischutz, was aber eher selten vorkommt. Sofort geklärt wird auch, ob eine Meldung bei der Agentur für Arbeit notwendig ist. Dann lassen wir die Frauen erst einmal bei uns ankommen und ein umfassenderes Gespräch wird am Tag nach der Aufnahme geführt.

DRA: Wie leben die Frauen im Frauenhaus?
Im Frauenhaus Nordschwaben leben die Frauen wie in einer großen Wohngemeinschaft. Jede hat ihr privates Zimmer, das sie sich gegebenenfalls mit ihren Kindern teilt. Dann gibt es ein großes und ein kleines Gemeinschaftsbad, eine gemeinsame Küche und ein gemeinsames Wohn- und Esszimmer. Die Frauen können sich frei bewegen. Manche ziehen sich erst einmal zurück, schließen ihre Tür, haben Angst, raus zu gehen. Manche kochen gemeinsam, andere bleiben erst mal für sich. Die Frauen müssen sich ja erst einmal mit der neuen Situation zurechtfinden. Sie geben ihr Leben im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung auf und treffen im Frauenhaus auf andere Frauen, teils unterschiedlichen Alters und auch unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten. Viele sind erst mal froh, Schutz und Sicherheit gefunden zu haben. Ob die Frauen das Haus verlassen wollen, kommt auf die Gefahrensituation an. Die meisten Frauen suchen sich deshalb ein Frauenhaus, das weit weg von ihrem Wohnort liegt. Bei uns kommen die meisten Frauen nicht aus dem Landkreis oder aus Nordschwaben. Sie kommen aus ganz Bayern und auch aus anderen Teilen Deutschlands. Wenn die Frauen sich sicher genug fühlen, gehen sie auch raus einkaufen, spazieren oder mit den Kinder spielen. Die Frauen haben meist kein Auto, daher bieten wir einmal die Woche eine Einkaufsfahrt an zu den Tafeln, zum Discounter oder zur Drogerie. Manche Frauen gehen arbeiten, wenn sie eine Stelle gefunden haben und es mit der Kinderbetreuung vereinbar ist.

DRA: Als Sozialpädagogin hat man die Wahl vieler Aufgabengebiete, warum gerade arbeiten Sie im Frauenhaus?
Für mich ist es wichtig eine vielseitige und abwechslungsreiche Beschäftigung zu haben. Wir kümmern uns ja um jeden Bereich des Lebens: Finanzielles, Gesundheit, Psyche, Jobsuche, usw. Jeder Tag bringt etwas Neues, ich weiß nicht, was mich erwartet. Wir arbeiten immer nach dem Bedarf der Frauen. Ich habe ein Sozialpädagogik Studium absolviert, bin aber auch Heilpraktikerin für Psychotherapie, das kann ich gut einbringen bei der Beratung. Hinzu kommt die Hausverwaltung, wir sind in dem Sinn auch Vermieter und kümmern uns um Reparaturen und Organisation. Gartenarbeit gehört auch dazu. Meine Arbeit ist sehr vielseitig und ich treffe die unterschiedlichsten Menschen. Ich bin außerdem ganz nah an den Klientinnen dran, da ich nicht in einem Büro im eigentlichen Sinn arbeite, sondern direkt im Wohnbereich der Frauen.

DRA: Wenn Sie so nah dran sind, wie sehr nehmen Sie die Schicksale der Frauen mit?

Egal in welchem Bereich man mit Menschen arbeitet, ob als Sozialpädagogin oder Ärztin oder Pflegerin, man muss sich abgrenzen können. Emphatisch sein, sich einfühlen können, ein Mitgefühl entwickeln, das schon – aber ich muss eine Grenze ziehen zwischen den Frauen und mir. Andersherum darf ich ja auch meine eigenen privaten Dinge nicht in die Arbeit tragen. Die Kunst ist, einen Mittelweg zu finden, sonst geht man entweder kaputt oder man wird gleichgültig. Ich muss bei allem Mitgefühl dennoch handlungsfähig bleiben.

DRA: Welche schönen Momente gibt es bei Ihrer Arbeit?
Ich finde es schön, wenn ich merke, dass es Frauen und Kindern gut geht. Wenn ich sie mal lachen höre. Oft kommen sie ratlos und hoffnungslos bei uns an. Die Frauen sind wie in einem dunklen Tunnel. Wenn sie dann nach einer Weile lachen können, sie eine Perspektive für sich sehen und die Kinder fröhlich sind, dann freut mich das. Der Moment, wenn sie ein Licht am Ende dieses Tunnels sehen. Darauf kann ich dann in meiner Arbeit auch aufbauen. Was auch total schön ist, ist wenn die Frauen sich öffnen, Vertrauen fassen – sie versuchen dann oft, mir etwas zurück zu geben. Sie kochen und laden mich an den Tisch ein. Es kommt ein Dank und es zeigt, dass sie angekommen sind, dass sie Kontakt aufnehmen wollen, dass es ihnen gut geht und dass sie mich akzeptieren und an sich heranlassen.

 

Über Verena Gerber-Hügele

Chefredakteurin. Hat die Oberaufsicht übers blättle. Macht am liebsten Reportagen, Reiseberichte und Interviews. Auch verantwortlich für Art Direction und Freihandzeichnungen im blättle. Naturverbunden, hält sich zu Hause einen halben Bauernhof.
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