22. Dezember 2020, 17:02

Sie suchten das Christkind

Ein Gedenkstein im Donauwörther Stadtwald erinnert bis heute an die an Weihnachten 1945 erfrorenen vierjährigen Mädchen. Bild: Mara Kutzner
Zwei vierjährige Mädchen fanden in der Nachkriegszeit einen schicksalshaften Tod im Donauwörther Stadtwald. Am zweiten Weihnachtsfeiertag jährt sich die Tragödie zum 75. Mal.

Es waren die Wirren des Zweiten Weltkrieges die die Familie Lebedew mit ihren zwei kleinen Töchtern aus der Ukraine nach Donauwörther führten. Im März 1945, nur wenige Wochen vor den beiden Luftangriffen auf Donauwörth, kurz vor Ende des Krieges, kam die Familie hier an und wurde im damaligen Armenhaus in der Pflegstraße auf engstem Raum und in bitterer Armut untergebracht. Entsprechend bescheiden fiel das erste Weihnachtsfest nach den schweren Kriegsjahren aus. Geschenke und Lebensmittel gab es kaum.

Der jüngsten Tochter der Lebedews, Eugenia, und deren Freundin Elfriede Schäferling, die ebenfalls mit ihren Eltern im Armenhaus wohnte, konnte die kindliche Freude über Weihnachten aber nicht genommen werden. So erzählt man sich, die beiden vierjährigen Mädchen waren auf der Suche nach dem Christkind, als sie am 26. Dezember 1945 plötzlich verschwanden. Zuletzt sah man sie am zweiten Weihnachtsfeiertag um die Mittagszeit noch beim Spielen. Am späten Nachmittag waren die Kinder dann spurlos verschwunden. Schnell waren die Bewohner des Hauses und die Nachbarn in heller Aufregung. Alles suchte nach Eugenia und Elfriede. Dass zwei Kinder aus dem Armenhaus vermisst wurden, machte schnell die Runde. Die Hilfsbereitschaft der Donauwörther, den Eltern die Kinder zurückzubringen war groß – doch niemand hatte die beiden gesehen, niemand wusste wo sie waren. 

Tragischer Fund im Donauwörther Wald 

Erst knapp vier Wochen später, Ende Januar 1946, machte Jakob Reiner aus Hafenreuth eine schreckliche Entdeckung. Es ist dokumentiert, dass er sich an einem Sonntagvormittag auf den Weg durch den Wald nach Donauwörth machte. Er nahm die Skier, denn über Nacht hatte es gut zehn Zentimeter Neuschnee gegeben. Als er auf dem Weg plötzlich aus der weißen Schneedecke ein rotes Mützchen durchschimmern sah, kehrte er sofort um und fand zwei erfrorene Mädchen auf dem Weg liegen. 

Dass es sich um Eugenia und Elfriede handeln musste, wusste Reiner wohl sofort. Die Geschichten von den zwei Kindern, die an Weihnachten aus dem Donauwörther Armenhaus verschwunden waren, hat sich schnell herumgesprochen. Er machte sich daraufhin auf kürzestem Weg nach Zirgesheim und meldete den tragischen Fund beim dortigen Bürgermeister und der Polizei. Die Beamten führte Reiner dann zum Fundort und half bei der Bergung der verstorbenen Mädchen. Ein Schlitten, gezogen von zwei Pferden, brachte die kleinen Körper erst nach Zirgesheim und dann in die Friedhofskirche nach Donauwörth. Am 30. Januar 1946 wurden Eugenia und Elfriede in zwei nebeneinanderliegenden Gräbern beerdigt. 

Bis heute bleibt ungeklärt, wie die Kinder den fast sieben Kilometer langen und anstrengenden Weg von der Pflegstraße bis tief in den Wald hinein bewältigen konnten. Wahrscheinlich liefen sie über den Kalvarienberg in Richtung Parkstadt den Schellenberg hinauf. Von dort gelangten sie bis Gut Lederstatt. Es ist überliefert, dass sie dort gesehen wurden. Jemand gab den Kindern einen Apfel und ermahnte sie, zurück zu ihren Eltern zu laufen. Doch die beiden Vierjährigen hatten bei Dunkelheit und eisiger Kälte schon längst die Orientierung verloren und verirrten sich so immer weiter hinein in den Donauwörther Forst. Wahrscheinlich aus Erschöpfung schliefen Eugenia und Elfriede dort auf dem Weg ein und sind erfroren. 

Die Mädchen bleiben unvergessen 

Eugenias Grab inmitten der Kindergräber auf dem Städtischen Friedhof wird bis heute von den Angehörigen liebevoll gepflegt, auch eine Jahresmesse im Januar gedenkt an das Schicksal von Eugenia und Elfriede. Entlang des Denkmalweges im Stadtwald, an der Fundstelle, erinnert außerdem ein Gedenkstein mit den Namen der Mädchen an die Tragödie. Elvira Wermuth, die Schwester der verstorbenen Eugenia war beim Verschwinden der Kinder selbst gerade einmal sechs Jahre alt. Bis heute lassen sie die tragischen Ereignisse aus ihrer Kindheit nicht los. An das „Marterl“ im Stadtwald kommt die mittlerweile über 80-jährige Frau deshalb immer noch regelmäßig. Auch andere Spaziergänger halten hier inne oder entzünden eine Kerze in Erinnerung an die beiden Mädchen, die von der Suche nach dem Christkind niemals zurückkehrten.