Kommentar
Meine Meinung

Wenn eine "Wackelstange" zum Sinnbild fehlender Identität wird

Bild: Thomas Oesterer
Die Wackelstange ist weg. Doch die Diskussion darüber erzählt wahrscheinlich mehr über Donauwörth, als man zunächst denkt: über eine wirtschaftlich starke Stadt auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Ein Kommentar.
Kommentar von Thomas Oesterer

Sie wackelte. Einfach so. Fast immer. Mal ein paar Millimeter, mal ein paar Zentimeter. Keiner weiß so recht, warum. Die Rede ist von der inzwischen über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Donauwörther Wackelstange. Ein ehemaliges Verkehrsschild für absolutes Halteverbot stand direkt neben dem Turm des Liebfrauenmünsters. Das Schild war längst verschwunden, die Metallstange blieb. Und plötzlich war sie Gesprächsthema.

In den sozialen Netzwerken wurde gerätselt, gelacht und diskutiert. Wind? Autos? Schwingungen? Vielleicht doch etwas Mystisches? Eine eindeutige Erklärung konnte die Stadt nicht liefern. Nur eines war klar: Die Stange bewegte sich. 

Mittlerweile bewegt sie sich nicht mehr. Mitte September verschwand die Wackelstange über Nacht. Unbekannte sollen sie mit erheblicher Kraft entfernt haben. Die Polizei ermittelt. Eigentlich könnte man die Geschichte damit abhaken. Eigentlich.

Auf der Suche nach Identität

Denn vielleicht verrät die Wackelstange mehr über Donauwörth, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Warum beschäftigt ein Stück Metall, das irgendwo neben dem Münster vor sich hin vibriert, plötzlich so viele Menschen? Vielleicht, weil Donauwörth gerade selbst ein bisschen wackelt.

Nicht im wörtlichen Sinne. Die Stadt steht wirtschaftlich solide da. Donauwörth ist ein bedeutender Industrie- und Wirtschaftsstandort, Airbus Helicopters ist international bekannt, die Stadt profitiert von ihrer Lage an der Donau und ihrer Verkehrsanbindung. Donauwörth ist also keineswegs eine Stadt, die nicht weiß, wohin sie gehört. Und trotzdem scheint etwas zu fehlen. Eine Antwort auf die Frage, was Donauwörth eigentlich sein möchte.

Denn eine Stadt ist mehr als ihre Unternehmen. Mehr als Arbeitsplätze, Gewerbesteuer und öffentlicher Nahverkehr. Eine Stadt ist auch das, was nach Feierabend passiert. Wo trifft man sich? Wo geht man abends hin? Wo findet Kultur statt? Wo können junge Menschen bleiben, ohne am Wochenende nach Augsburg, München oder anderswo fahren zu müssen? Diese Fragen begleiten Donauwörth seit Jahren. Und sie sind längst Teil eines größeren Gefühls geworden. Eines Gefühls, dass sich etwas verändern müsste.

Zwischen Baustelle und Aufbruch

Da ist das Tanzhaus, dessen jahrelange Baugeschichte längst selbst zum Symbol geworden ist. Ein Ort, der irgendwann für Kultur, Begegnung und Leben in der Innenstadt stehen soll und früher auch tat – bislang aber vor allem Geduld verlangt.

Da ist die Landesgartenschau 2028. Eine riesige Chance für Donauwörth, ohne Zweifel. Neue Freiräume, neue Verbindungen, neue Impulse. Gleichzeitig hängt an diesem Projekt eine gewaltige Erwartung: dass sich die Stadt dadurch tatsächlich verändert. Nicht nur baulich, sondern auch in ihrem Lebensgefühl.

Und dann steht da plötzlich eine Wackelstange. Ein Stück Metall, das eigentlich längst keine Funktion mehr hatte und trotzdem plötzlich Aufmerksamkeit bekam. Gerade weil es so sinnlos und gleichzeitig so besonders war.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe. Donauwörth scheint auf der Suche nach dem Besonderen zu sein und dabei auch auf der Suche nach der eigenen Identität. Nach Dingen, über die man spricht. Nach Orten, an denen man sich trifft. Nach Veranstaltungen, die Menschen in die Stadt ziehen. Nach einem Nachtleben, das mehr bietet als die letzte Zugverbindung. Nach Kultur, die nicht nur im Veranstaltungskalender steht, sondern Teil des Stadtbildes wird. Und vielleicht auch nach etwas, mit dem man sagen kann: Das ist Donauwörth.

Was fehlt, ist ein verbindendes Element

Dabei hat die Stadt längst genug, worauf sie stolz sein kann. Die historische Altstadt. Die Donau. Die wunderbare geografische Lage. Starke Unternehmen. Vereine. Ehrenamt. Kultur. Menschen, die sich engagieren und immer wieder neue Projekte auf die Beine stellen. Was fehlt, ist vielleicht nicht das Angebot. Was fehlt, ist die große Geschichte, die all diese Dinge miteinander verbindet. Was soll Donauwörth in zehn oder 20 Jahren sein? Eine wirtschaftlich starke Stadt, in der Menschen arbeiten? Eine historische Stadt, die von ihrer Vergangenheit lebt? Eine moderne Stadt für Familien? Eine Kulturstadt? Ein attraktiver Wohnort für junge Menschen? Ein Ausflugsziel an der Donau? Die Antwort kann natürlich sein: alles zusammen. 

Aber dafür braucht es mehr als einzelne Projekte. Es braucht eine Vorstellung davon, wie sich diese Stadt anfühlen soll. Genau deshalb ist die Diskussion um die Wackelstange vielleicht gar nicht so lächerlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Nicht, weil dieses Stück Metall irgendeine entscheidende Bedeutung für die Zukunft Donauwörths hätte. Sondern weil die Reaktionen darauf zeigen, wie sehr Menschen hinschauen. Wie sehr sie sich für ihre Stadt interessieren. Und wie groß offenbar die Sehnsucht nach etwas ist, das bleibt.

Nun ist die Wackelstange weg. Das Rätsel um ihre Ursache ist damit ebenso wenig gelöst wie die Frage, wer sie entfernt hat. Zurück bleibt eine leere Stelle neben dem Münster. Vielleicht ist das gar kein schlechtes Bild für Donauwörth. Denn auch bei vielen anderen Themen ist derzeit noch nicht klar, was am Ende an dieser Stelle stehen wird. Das Tanzhaus wird irgendwann fertig sein. Die Landesgartenschau wird kommen. Neue Plätze werden entstehen, neue Projekte werden folgen. 

Aber all das wird die entscheidende Frage nicht automatisch beantworten: Was ist eigentlich Donauwörth? Vielleicht sollten wir darüber mehr diskutieren als über eine Stange, die wackelt. Und vielleicht wäre es an der Zeit, nicht nur darüber nachzudenken, was Donauwörth bekommt. Sondern darüber, was Donauwörth sein will.