8. August 2019, 08:39

Wie man sich früher in Nördlingen kleidete

(v.l.n.r.): Martina Guckert „näh_mal“, Sandra Beck – 1. Vorsitzende Trachtenverein D‘ Rieser Nördlingen, Museumsleiterin Andrea Kugler M.A., Sandra Wagner von der Schneiderei Wagner und Uschi Rothgang von Rothgang Mode-Design Bild: Rudi Scherer, Stadt Nördlingen
In Nördlingen werden jetzt wieder die Kleiderschränke nach historischen Kostümen durchforstet. Das Stadtmauerfest naht! Es wird angepasst und neu genäht. Das Interesse an historischer Kleidung erwacht.

Was hat man nun früher getragen? Diese Frage greift das Stadtmuseum Nördlingen auf und präsentiert zum Stadtmauerfest eine kleine Schau verschiedener Kleidungsstücke und Accessoires. Sie stammen aus der Schneiderei Sandra Wagner, von Martina Guckert/„näh_mal“, von Uschi Rothgang Mode-Design sowie vom Trachtenverein „D’Rieser Nördlingen“.

Da gibt es Gewänder des 15. Jahrhunderts, die aus einem Gemälde des Malers Friedrich Herlin „herausgestiegen“ sind. Margarethe und Friedrich Herlin zeigen sich im Jahr 1488 in sittsamer Kirchentracht mit Mantel und Kopftuch. Aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt dagegen das tief ausgeschnittene Brokatkleid einer wohlhabenden Bürgerstochter. Sie ist in einem Altargemälde von Sebastian Taig aus der Zeit um 1518 zu sehen. Die Nördlinger Schneidermeisterin Sandra Wagner hat alle drei Gewänder eigens für die Ausstellung nachgenäht.

Zwischen Renaissance und Barock bewegen sich die beiden Frauenkleider aus dem Atelier von Uschi Rothgang. Die wohlhabende Bürgerin um 1550 trug ihr Kleid im Stil der Renaissance. Dagegen richtete sich die Patrizierin um 1600 nach der Mode des frühen spanischen Barock.

Aus der Zeit um 1800 stammen zwei originale Textilien aus der Sammlung des Stadtmuseums. Das Frauenmieder zeigt, dass die Schwäbinnen gerne „Schneppe“ trugen, d.h. ihr Mieder vorne und hinten spitz zulaufen ließen. Die Herrenweste belegt modische Gestaltungsfreude auch beim Herrn. „Mann“ trug also nicht nur Schwarz, Rot oder Tüpfelsamt.

Ein besonders typisches Kleidungsstück ist der Rieser Kittel für den Mann. Wann genau im 19. Jahrhundert das riestypische Blauhemd aufkam, ist unbekannt. Dass der Rieser Kittel nicht völlig verschwand, ist Modedesignerin Uschi Rothgang in Nördlingen zu verdanken. Sie erwarb Schnitte, Stickmaschinen und Know-How vom letzten Hersteller. An moderne Bedürfnisse angepasst, bietet sie den Kittel heute wieder zum Verkauf an.

Die große Gestaltungsfreude der „Rieser Tracht“ um 1900 kann eine Ausstellung kaum zeigen. Zu groß ist die Menge an unterschiedlichen Kleidungsstücken und Stoffarten. Rieser und Rieserin kleideten sich konfessionell unterschiedlich. Vor allem an Farbe und Haube war die Religionszugehörigkeit ablesbar. Aus der Sammlung des mittlerweile 100-jährigen Trachtenvereins „D’Rieser Nördlingen“ erhielt das Stadtmuseum mehrere Exponate als Leihgabe.

Ein Schwerpunkt beim Stadtmauerfest im September ist jedoch die Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit seinen Landsknechten. Viele Nördlinger tragen heute dazu passend Kostüme einfacher Bürgerinnen und Bürger. Deren Nähvorlagen entwickelte die Stadt Nördlingen schon in den 1980er Jahren. Moderne Schnitte bietet Schneidermeisterin Martina Guckert in ihrem Geschäft „näh_mal“ an. Die ausgestellten Modelle sind bis zum Stadtmauerfest in der Ausstellung zu sehen. Dann werden sie natürlich von ihren Besitzern ausgeführt.

Die Ausstellung im Stadtmuseum möchte nicht nur auf das Stadtmauerfest einstimmen. Sie möchte vor allem den Blick auf die verschiedenen Moden richten und geschichtsbegeisterten Textilern Anregungen geben. Deshalb ergänzen originale Exponate, Stiche und Requisiten aus der Sammlung des Stadtmuseums die kleine Schau. (pm)

Weitere Informationen

Ausstellung über das Stadtmauerfest hinaus geöffnet bis 3. November 2019, Dienstag - Sonntag, 13.30 - 16.30 Uhr.