Auf vielen Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Krieges wurden die Toten möglichst rasch in großen Gruben bestattet. Moderne archäologische Untersuchungen zeigen, dass solche Niederlegungen durchaus »systematisch« erfolgt sein können: mehrere Lagen, teilweise mit erkennbarer Ordnung. Das im Februar 2008 entdeckte Massengrab auf dem Schlachtfeld von Alerheim zeigte dagegen eine deutlich unübersichtlichere Situation. Im Zuge der systematischen Untersuchung einer Trasse für eine Ethylen-Pipeline zwischen Münchsmünster und Nördlingen fanden sich in einer Grube zahlreiche menschliche Knochen – jedoch nicht als vollständige Skelette, sondern ohne klaren anatomischen Verbund.
Der erhaltene Rest einer ursprünglich wohl tieferen Grube war lediglich 30 bis 50 Zentimeter tief und sehr dicht mit Knochen verfüllt. Die Knochen lagen in unterschiedlicher Ausrichtung und ohne erkennbare Ordnung. Gerade diese chaotische Lagerung wurde später zu einem Schlüssel für die Interpretation: Sie spricht dafür, dass man die Toten nicht unmittelbar nach der Schlacht geordnet bestattete, sondern erst nach fortgeschrittener Verwesung zusammensammelte und in dieser Grube deponierte.
Zwischen den Knochen wurden Bleikugeln und zahlreiche Kleinfunde dokumentiert und geborgen. Sie lassen sich dem persönlichen Besitz und der Bekleidung der Verstorbenen zuordnen, darunter Rosenkranzperlen, Schnallen, Beschläge, Haken und Ösen, Lederreste, Kettenglieder sowie Teile der Waffenausrüstung. Für die Datierung und für Fragen nach der Zugehörigkeit zu den kämpfenden Parteien waren zwei französische Münzen besonders wichtig, geprägt 1608 und 1641.
Bis zu 10.000 Tote bei Alerheim
Doch was geschah an jenem 3. August 1645? Drei Jahre vor Kriegsende standen sich am Rand des Riesbeckens französische, weimarische und hessische Truppen sowie das kaiserlich-bayerische Heer gegenüber. Trotz strategischer Vorteile verlor die kaiserlich-bayerische Seite die Schlacht. Die Verluste waren jedoch auf beiden Seiten sehr hoch, zeitgenössische Schätzungen schwanken zwischen 2.500 und 10.000 Toten. Erst am 1. September 1645 – also gut vier Wochen nach der Schlacht – wurden Freiwillige aus umliegenden Orten zur Beräumung gesucht. Im Verlauf des Septembers bestatteten sie 1.965 Menschen. Aus Akten geht hervor, wie sehr Gestank und »abscheuliche Anblicke« die Arbeit prägten.
Bei der Erstversorgung der Funde wurden Insektenreste entdeckt, darunter Puppen verschiedener Schmeißfliegenarten. Diese gehören zu den »Erstbesiedlern« von Leichen, wenn Körper unbedeckt liegen. Auch das spricht dafür, dass die Toten zunächst längere Zeit an der Oberfläche lagen.
Besonderheit der Fundsituation und Erkenntnisse
Die anthropologische Auswertung musste mit einer besonderen Schwierigkeit umgehen: Wie viele Menschen waren überhaupt bestattet? Weil einzelne Individuen nicht als vollständige Skelette dokumentiert werden konnten, wurde eine Mindestzahl über gut erhaltene rechte und linke Oberschenkelknochen rekonstruiert. Daraus ergab sich eine Schätzung von etwa 85 Personen. Es handelte sich überwiegend um Männer mit einem durchschnittlichen Sterbealter von 21 bis 25 Jahren; viele waren noch jünger, nur wenige älter als 30.
Auffällig sind Erkrankungen und Abnutzungsspuren – etwa Arthrosen, Bandscheibenverletzungen, Hinweise auf Mangelernährung schon in der Kindheit sowie schwere Entzündungen. Das weist auf harte Lebensbedingungen und einen schlechten Allgemeinzustand hin, noch bevor diese Männer überhaupt auf dem Schlachtfeld standen. Auch die Todesumstände lassen sich am Knochen ablesen: Hiebverletzungen am Schädel, häufig am Hinterkopf, deuten auf Angriffe aus erhöhter Position. Das passt zu einem Szenario, in dem Infanteristen vor Kavallerie fliehen. Dazu passen wiederum die Bleikugeln, die vor allem aus Pistolen oder Karabinern stammen könnten – typischen Waffen der Reiter.
Die Indizien aus Fundort, Funden, anthropologischen Befunden und schriftlicher Überlieferung lassen sich zu einer plausiblen Rekonstruktion verbinden: Bei vielen der im Massengrab Bestatteten dürfte es sich um sehr junge Infanteristen handeln. Münzen und Ausrüstung sprechen für eine Einbindung in die französisch geführten Truppen; das Verletzungsmuster ist mit einem Angriff durch bayerische Kavallerie vereinbar. Vollständig beweisen lässt sich das nicht – doch die Befunde fügen sich stimmig in das bekannte Schlachtgeschehen.
Das Massengrab von Alerheim zeigt eindrücklich, wie archivalische Forschung und moderne archäologische, anthropologische und kriminalbiologische Methoden zusammenwirken können. Aus einer anonymen Knochenlage im Boden entsteht so ein differenziertes Bild: nicht nur von Truppenbewegungen und Schlachtverlauf, sondern auch von individuellen Lebensbedingungen, Gesundheit und Tod im Krieg.
Durchführung des Projekts
Die Grabung wurde durch die EPS GmbH finanziert; die praktische Umsetzung lag bei der ADV GmbH unter Grabungsleitung von Frank Wedekind. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, Referat Lineare Projekte (S. Berg), bereitete das mehrjährige Projekt zum Bau der Ethylen-Pipeline-Süd vor und betreute die Grabungen bis zur Publikation.
Herr Peter Lutz wertete die menschlichen Knochen aus dem Massengrab im Rahmen seiner Abschlussarbeit aus. Frau Kathrin Misterek publizierte das umfangreiche Fundmaterial und fasste die bis dahin vorhandenen Ergebnisse zusammen. Das Landeskriminalamt unterstützte die Untersuchungen im Bereich der Kriminalbiologie. Die Grabungsdokumentation wird im BLfD archiviert. Die Funde befinden sich im Depot der Archäologischen Staatssammlung München.
Bei diesem Artikel handelt es sich um einen gekürzten Gastbeitrag von Dr. Stefanie Berg, Landeskonservatorin und Abteilungsleiterin der Bodendenkmalpflege am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, aus der Zeitschrift Bayerische Archäologie 1/2026 mit dem Thema Schlachtfeldarchäologie.
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