3. Februar 2020, 14:29

Hightech von heute trifft auf Hightech der Antike

Freigelegte unterste Holzlage des Brunnens in Nördlingen. Im Inneren des Brunnenkastens liegen Reste von Tongefäßen. Bild: ABDW Archäologiebüro Dr. Woidich GmbH
Dank eines aufsehenerregenden Fundes ist Nördlingen wieder einmal in den Fokus der Archäologie gerückt: Bei bauvorgreifenden Untersuchungen auf dem Gelände des Varta AG Konzerns sind Archäologen und Denkmalpfleger auf Reste eines vorgeschichtlichen Brunnens aus der Zeit um 130 v. Chr. gestoßen. Speise- und Pflanzenreste, die darin gefunden wurden, geben Aufschluss über die Ernährung der ansässigen Kelten. Außerdem erhoffen sich Fachleute neue Erkenntnisse über die rätselhafte Lücke in der hiesigen Besiedelungsgeschichte.

Es handele es sich um „etwas nicht Alltägliches“, meinte Herbert Schein, Vorstandsvorsitzender der Varta AG, bei einem Pressetermin am Montagvormittag. Sonst beschäftige man sich bei der Varta mit der Zukunft, hier aber gehe es um die Vergangenheit.

Sedimentproben vom Grund des vor allem im unteren Bereich sehr gut erhaltenen Brunnens enthielten fast 2000 Pflanzenreste von mehr als 60 Arten. Neben Gerste und Dinkel geben Reste von Dill einen Einblick in das keltische Gewürzspektrum. Die heute als Superfood wieder beliebte Physalis wurde offenbar schon von den Kelten geschätzt. Als potenzielle Heilpflanzen traten Echtes Johanniskraut und das berauschende Schwarze Bilsenkraut auf. Besonders überraschend war der Rest einer Birne: Zwar beschäftigte man sich in dieser Zeit südlich der Alpen mit der Kultivierung der Birne, die dort damals eine Modefrucht war. In Nördlingen dürfte es sich aber noch um eine Wildform gehandelt haben.

Mit Unterstützung des Varta AG Konzerns sollen die gut erhaltenen Teile des Brunnens nun konserviert werden. Dabei handelt es sich, wie Dr. Johann Friedrich Tolksdorf vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ausführt, um eine dank des Grundwassers gut erhaltene Holzrahmenkontruktion. Die jüngsten Segmente dieses Eichenholzgebildes wurden 133 v. Chr. gefällt – das macht den Fund so spannend, denn aus dieser Zeit gibt es nur wenige Objekte in Süddeutschland.

Besondere Bedeutung besitzt der Fund daher für die Besiedlungsgeschichte des süddeutschen Raums: Im Laufe des 1. Jahrhunderts v. Chr. wurden zuvor blühende Siedlungen aufgegeben. Vorboten dieser Entwicklung lassen sich möglicherweise auch anhand der Pollen aus der Brunnenverfüllung ablesen, die die Umgebungsvegetation nachzeichnen. War kurz nach der Aufgabe des Brunnens die Egerniederung offenbar noch von Getreidefeldern geprägt, gehen diese anschließend offenbar zurück und es kommt zur Ausbreitung von Holunderbüschen auf brachen Flächen. Die Ergebnisse geben damit einen neuen Einblick in den „Anfang vom Ende“.

Über den archäologischen Fund und den Umgang damit freut sich auch Herbert Schein: „Unser Unternehmen weitet die Produktionskapazitäten derzeit massiv aus und plant Erweiterungsbaumaßnahmen an den Standorten in Nördlingen und Ellwangen. Vor dem Hintergrund dieser Wachstumsdynamik kann ein solcher Fund unter Umständen auch eine unkalkulierbare Unterbrechung der Bautätigkeiten bedeuten. Umso mehr bedanken wir uns bei der Stadt Nördlingen für die Unterstützung und insbesondere beim Landesamt für Denkmalpflege für die schnelle und kooperative Zusammenarbeit, sodass wir den Fund schnell bergen und mit den Baumaßnahmen fortfahren konnten.“

Die Arbeiten haben im Sommer 2019 im Vorfeld der Erweiterung des Werksgeländes des Varta AG Konzerns in Nördlingen stattgefunden. Am Standort Nördlingen wird die Lithium-Ionen Zellenproduktion zurzeit durch einen Neubau aufgestockt, der an die bestehende Produktion angrenzt. (mab/pm)