Am 25. Juli um 11 Uhr sitzen rund 300 Zuschauerinnen und Zuschauer im Nördlinger Stadtsaal Klösterle an vier Seiten um eine Tanzfläche, die mitten im Saal liegt. Bei der Jahresaufführung „Unmute – was uns bewegt. Tanz, Lyrik und Demokratie“ wird das Klösterle erstmalig auf diese Weise genutzt. Wer erwartet, alles frontal und jederzeit vollständig sehen zu können, muss sich umstellen. Die Tänzerinnen werden von vorne, von der Seite und von hinten betrachtet, manche tanzen in alle Richtungen. Diese ungewohnte Ausrichtung fordert die Mitwirkenden, denn es gibt nicht mehr die eine Seite, zu der sie sich präsentieren können, und das Publikum erlebt, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt.
Dass diese Gestaltung mehr war als eine ungewöhnliche Anordnung, bewiesen die Choreografien. Das Team des Tanzraum – Schule für künstlerischen Tanz in der Vorbereitung auf die Tanzaufführung auch inhaltlich damit beschäftigt, wie wir miteinander gut umgehen und wie wertvoll Demokratie ist. Sie ist kein Selbstläufer. „Hier beginnt die Demokratie: Im Mut zum eigenen Ton. In dem Recht, einzigartig zu sein, ohne Angst zu haben, dafür weggestoßen zu werden“, hieß es in einem der Texte von Johanna Gößwein, die diese zwischen den Tänzen vortrug. Die junge Schriftstellerin aus dem Ries war Preisträgerin beim diesjährigen Literaturfestival in Wemding. Die Tanzpädagoginnen hatten die Schülerinnen altersentsprechend in dieses Thema hineingenommen.
Alle Generationen und alle Stile
Bei der Aufführung war alles dabei: verschiedene Tanzstile wie Ballett, zeitgenössischer Tanz und Urbandance/Hip-Hop, sowie verschiedene Generationen. Die Jüngsten waren sechs Jahre alt, die Ältesten erwachsen. „Alle Generationen, alle Stile stehen auf dieser Bühne“, griff Johanna Gößwein dieses Bild auf. Und dann der Satz, der hängen blieb: „Schaut hin, wie aus dem stummen Kreis ein Tanz der Vielfalt erwacht!“
An jeder der beiden Aufführungen um 11 und 14 Uhr wirkten 70 Schülerinnen mit, insgesamt also 140. Knapp 600 Menschen kamen an diesem Tag ins Klösterle. Zweimal ein sehr gut gefülltes Haus.
Die Choreografien stammen von Vroni Drescher, Janet Sartore, Alina Lukasch, Jessica Trenner und Barbara J. Lins, die auch Gesamtkonzept, Idee und künstlerische Leitung verantwortet.
Eine Botschaft für die Demokratie
Johanna Gößwein schrieb nach Gesprächen mit den Choreografinnen die Texte zu den einzelnen Stücken und trug sie bei der Aufführung selbst vor. Sie verglich die Demokratie mit einem „lebendigen Dorf“, die lebt aus der Freiheit des Einzelnen, die nicht mit rücksichtslosem Egoismus verwechselt werden darf.
Die Zuschauenden wirkten offen und betroffen, immer wieder zeigte sich nickende Zustimmung und viel Applaus. Später bedankten sich Besucherinnen für die ergreifenden Texte, die eindrucksvollen Tanzstücke und den Mut der Kinder und Jugendlichen.
Am Ende stand die Aussage von Johanna Gößwein: „Das Licht verblasst. Aber Demokratie ist kein Sofa zum Chillen. Sie ist ein täglicher Auftrag an dein Herz. Hört einander wieder zu. Seid laut. Bleibt bunt. Schützt das System. Wir verneigen uns vor euch – doch euer Tanz für die Freiheit da draußen beginnt genau jetzt!“ (dra)