7. Februar 2019, 13:27

„Die Arten sterben mit ihren Lebensräumen!“

Bild: Alexander Helber
Ein renommierter Insektenkundler hält einen Vortrag über die Ursachen und Folgen des Artenrückgangs.

Zu einem Vortrag des hauptamtlichen Schmetterlingsforschers Dr. Andreas Segerer von der Staatssammlung München lud der Bund Naturschutz nach Wemding ein. Vor rund 150 Zuhörern referierte dieser zum Thema Insektensterben und machte gleich zu Beginn darauf aufmerksam, dass das ganze Ökosystem Erde durch Übernutzung von Menschenhand massiv bedroht ist. Das Insektensterben ist dabei nur ein Aspekt, an dem die Bedrohung unseres Planeten sichtbar wird.

Als Nachweis für das Aussterben von immer mehr Tierarten führt Segerer die Roten Listen an, die als Verzeichnisse des Artenrückgangs immer länger werden. In Bayern gibt es heute beispielsweise zehnmal weniger Schmetterlinge als vor 50 Jahren. Zudem hat sich das Artensterben in den letzten 50 Jahren nachweislich enorm beschleunigt.

Besorgniserregend ist dies vor allem wegen der wichtigen Aufgaben der Insekten: Sie übernehmen die Bestäubung der Pflanzen, sorgen als „Gesundheitspolizei“ für das Recycling toter Biomasse, sind Nahrungsquelle für größere Tiere und ein wichtiger Bestandteil des Lebensraumes Wiese.

Das Problem und die Ursachen sind dabei bekannt. Der Beginn der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren fällt mit dem zunehmenden Artenrückgang zusammen. Durch die zunehmende Mechanisierung wurde die Bewirtschaftung größerer Ackerflächen möglich. Dies führte zu einer Intensivierung der Landwirtschaft und hohem Flächenverbrauch. Die Kulturlandschaft früherer Zeiten mit kleinteiligen Feldern und Hecken wandelte sich in eine strukturarme, chemisch belastete Agrarlandschaft. Die Verinselung der Restflächen sowie die globale Überdüngung und die Vergiftung mit Pestiziden führt der Forscher als weitere Gründe für die Zerstörung der Lebensräume an. Sein Schlüsselbefund lautet daher: „Die Arten sterben mit ihren Lebensräumen.“

Bei den Pestiziden sind besonders die Neonicotinoide ein Problem: Die Bienen werden „süchtig“, verlieren ihre Orientierung und werden infektanfälliger. Einigen Neonicotinoiden wurde deshalb die Zulassung entzogen – jedoch nicht allen. Hier zeigt sich auch das Dilemma der eigentlich gut gemeinten Blühstreifen, die durch fremde Arten und zu viel Düngung zur Todesfalle werden.

Segerer sieht es deshalb als Aufgabe der Politik, eine Agrarwende herbeizuführen. Er fordert: „Nicht die Bauern an den Pranger stellen! Das System muss an den Pranger!“ Und er warnt, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, denn die Menschheit lebt heute über ihrem Niveau. Der sogenannte ökologische Fußabdruck zeigt, dass die Menschheit lebt, wie wenn 1,7 Erden zur Verfügung hätte; Deutschland sogar, als ob es 3,2 Erden gäbe.

Was ist also zu tun? Segerer führt drei wesentliche Punkte auf: Zum einen die Reduzierung von Dünger und Pestiziden und die Förderung des Ökolandbaus. Zum anderen setzt er auf die Vernetzung der noch übrigen Biotope und die Schaffung von mehr Strukturen in der Landschaft. Letztlich sieht er aber auch die Gemeinden und Privatpersonen in der Pflicht. Zum einen braucht es mehr Wildwuchs in den Gärten und Parkanlagen, beim Pflanzenkauf sind einheimische Gehölze zu bevorzugen, Mähroboter sind tabu. Weierhin fordert er verantwortungsvolles Konsumverhalten (Bio kaufen, weniger Fleisch). Das derzeitige Volksbegehren sieht er als Chance, um eine Veränderung anzustoßen. Und er appelliert: „Retten wir die Kulturlandschaft! Damit retten wir die Bienen und letztlich uns, unsere Kinder und Enkel!“

Nach diesem packenden Vortrag stellt er sich noch den zahlreichen Fragen aus dem Publikum. Kreisvorsitzender Alexander Helber bedankte sich abschließend mit einem kleinen Präsent. (pm)