Rudolfs Rozitis ist der neue Cheftrainer der Eigner Angels Nördlingen. Der 37-jährige Lette bringt internationale Erfahrung aus verschiedenen Stationen sowie aus seiner Tätigkeit als Assistenztrainer der lettischen Damen-Nationalmannschaft mit. Vor dem Start in die neue Saison spricht er über seine ersten Wochen im Ries, die Basketballkultur in Lettland und Deutschland, den Neuaufbau der Angels und seine Ziele für die Saison.
Herr Rozitis, Sie sind jetzt seit einigen Wochen in Nördlingen. Wie haben Sie Ihren Start hier erlebt – sportlich, aber auch ganz persönlich?
Es macht Spaß. Mein Lieblingsaspekt an Nördlingen ist, dass ich überall zu Fuß hingehen kann. Ich kann durch die Stadt laufen, die Menschen sehen und Nördlingen erleben. Besonders aufgefallen ist mir die Freundlichkeit der Menschen. Jeder, den ich bisher getroffen habe, war sehr freundlich, offen und unkompliziert im Umgang – und das nicht nur innerhalb des Basketballteams, sondern auch außerhalb. Das ist sehr erfrischend und schön.
Hilft es im Alltag, wenn man im Trainingsanzug der Angels unterwegs ist?
Ich trage nicht ständig Angels-Kleidung. Aber ich hatte schon einige Begegnungen nach dem Motto: „Hey, hallo!“ Und dann fangen die Leute auf Deutsch an, mit mir zu sprechen. Das ist schön. Leider verstehe ich bisher nur die Hälfte.
Sie kommen aus Lettland und haben bereits viel internationale Erfahrung gesammelt. Wie fühlt sich Ihr neues Leben im beschaulichen Ries bislang an?
Ich fühle mich hier erstaunlich heimisch. Ich komme zwar aus Riga, der Hauptstadt Lettlands und damit aus einer größeren Stadt, aber ich habe auch schon in kleineren Städten wie Jēkabpils oder Liepāja gearbeitet. Nördlingen erinnert mich daran. Ich habe hier ein richtiges Heimatgefühl und fühle mich sehr wohl.
Lettland gilt als basketballverrücktes Land. Wie würden Sie die Basketball- und Fankultur in Ihrer Heimat mit der Identifikation der Region rund um Nördlingen mit den Angels vergleichen?
Das ist eine schwierige Frage. In Lettland entwickelt sich die Basketball-Fankultur langsam weiter. Wenn die Nationalmannschaften spielen, ist die Begeisterung natürlich riesig. Dann sind die Menschen verrückt danach, schreien, jubeln und fiebern mit.
Beim Vereinsbasketball ist die Situation allerdings eine andere. Da würde ich sagen, dass die Fankultur in Deutschland besser ist. Hier gibt es einfach mehr Leidenschaft. Was mir in Lettland fehlt, ist etwas, das ich hier in Nördlingen sehe: die Verbindung zwischen Verein und Stadt. Die Menschen wissen, wer du bist. Sie erkennen dich beispielsweise an deiner Kleidung und haben dadurch eine Verbindung zum Verein. In Lettland ist diese Verbindung nicht immer so stark – auch, weil die Spielerinnen und Spieler häufig nicht aus der jeweiligen Stadt oder Region kommen.
Sie arbeiten weiterhin als Assistenztrainer der lettischen Damen-Nationalmannschaft und betreuen die lettische U18-Auswahl. Wie sehr beeinflussen diese Aufgaben Ihre tägliche Arbeit bei den Angels?
Ich glaube nicht, dass sie meine tägliche Arbeit besonders stark beeinflussen. Die U18-Nationalmannschaft ist im Grunde vor allem eine Aufgabe im Sommer, weil die Jugendnationalmannschaften nicht das ganze Jahr über aktiv sind. Bei der A-Nationalmannschaft gibt es während der spielfreien Zeiten ein paar zusätzliche Aufgaben, aber das nimmt nicht übermäßig viel Zeit in Anspruch.
Für mich ist es sogar hilfreich, weil die Arbeit mit der Nationalmannschaft auch beim Scouting unserer Gegner helfen kann. Dort spielen beispielsweise Spielerinnen, auf die wir mit den Angels später treffen.
Sie haben selbst aktiv Basketball gespielt, sind aber relativ früh ins Trainergeschäft gewechselt. Was hat Sie dazu bewogen, sich ganz auf das Coaching zu konzentrieren?
Als Jugendspieler war ich ziemlich gut. Nicht großartig, aber gut genug, um in den lettischen Jugendnationalmannschaften zu spielen. Später war ich Teil einer Mannschaft, die den FIBA Europe Cup gewonnen hat. Ich war damals 18 oder 19 Jahre alt. In diesem Jahr habe ich mir allerdings das Bein gebrochen und konnte deshalb nicht mehr für die lettische U20-Nationalmannschaft spielen.
Danach habe ich mich immer mehr vom aktiven Basketball entfernt. Einen großen Einfluss hatte mein Mentor und damaliger Universitätsdozent Mārtiņš Zibarts. Er bat mich, ihn im Trainerteam zu unterstützen. So begann ich bei der lettischen U20-Nationalmannschaft der Frauen mitzuarbeiten. Das erste Jahr war direkt sehr erfolgreich und danach ging es einfach immer weiter. Ich hatte relativ früh Erfolg und habe mich deshalb entschieden, im Trainerbereich zu bleiben. Seitdem habe ich nicht mehr zurückgeschaut.
Wie sehen Sie die deutsche Damen-Basketball-Bundesliga im Vergleich zu anderen Ligen in Europa – sportlich, strukturell und mit Blick auf die Entwicklung junger Spielerinnen?
Ich glaube, dass die deutsche Liga zu den konkurrenzfähigsten Ligen Europas gehört. Mit konkurrenzfähig meine ich, dass praktisch jedes Spiel in beide Richtungen gehen kann. Das ist in anderen Ligen nicht immer so. Dort gibt es teilweise größere Unterschiede, sodass der Erste den Siebten oder Achten deutlich schlägt.
In Deutschland kann an einem guten Tag jeder jeden schlagen. Das ist ein großer Vorteil und auch ein Grund dafür, warum gute Spielerinnen hier spielen wollen. Bei der Entwicklung junger Spielerinnen kommt es darauf an. Ich glaube, dass einige Vereine noch besser darin werden könnten, junge Spielerinnen zu entwickeln. Die deutsche A-Nationalmannschaft ist wirklich gut, aber bei den Jugendnationalmannschaften gibt es sicherlich noch Luft nach oben – auch deshalb, weil junge Talente in ihren Teams wenig bis gar keine Spielzeit bekommen.
Ist Spielzeit also der entscheidende Faktor für junge Spielerinnen?
Nicht immer, aber natürlich ist sie wichtig. Zunächst muss man konstant auf dem höchstmöglichen Niveau trainieren. Das Gleiche gilt für Spiele. Nur wer regelmäßig Einsatzzeiten auf hohem Niveau bekommt, kann sich auch weiterentwickeln.
Es gibt manchmal die Vorstellung: Wenn ich einfach bei einem besseren Team bin, werde ich automatisch besser. Das ist allerdings nur bedingt der Fall. Entscheidend ist häufig die richtige Mischung. Konkurrenzkampf im eigenen Team und in der Liga sind wichtig – man sollte allerdings auch auf einem Niveau Basketball spielen, das einen nicht ständig überfordert, sondern die richtigen Reize setzt.
Die Angels haben sich in der Off-Season neu aufgestellt. Welchen Basketball wollen sie in Zukunft mit der Mannschaft spielen?
Es ist definitiv ein Neuaufbau. Wir haben neun neue Spielerinnen und einen neuen Trainer. Ich glaube aber nicht, dass es unbedingt um „Rozitis-Basketball“ gehen muss oder soll. Wir haben als gesamter Verein und als Trainerteam bei der Zusammenstellung des Kaders bewusst nach etwas anderem gesucht als andere Mannschaften.
Grund hierfür sind natürlich die begrenzten finanziellen Möglichkeiten und die Rahmenbedingungen vor Ort. Am Ende war für uns das entscheidende Motto „Speed over size“. Wir wollen so schnell wie möglich – gleichzeitig aber auch intelligent – spielen. In unserer Entwicklung sind wir aktuell zwar noch ein wenig hinter den Erwartungen, ich bin mir aber sicher, dass wir zeitnah auf das gewünschte Niveau kommen werden.
Sie waren eng in die Kaderplanung eingebunden. Worauf haben Sie bei der Zusammenstellung des Teams besonders geachtet?
Eine der wichtigsten Eigenschaften war für uns die Persönlichkeit der Spielerinnen. Wir haben keine speziellen Fragenkataloge abgearbeitet. Vieles hat sich einfach aus den Gesprächen ergeben. Irgendwann merkt man: Diese Spielerin passt zu uns. Uns war wichtig, dass die Spielerinnen bereit sind zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Und dass sie charakterlich gute Menschen sind.
Nach dem ersten Monat kann ich sagen, dass uns das sehr gut gelungen ist. Wir haben bereits jetzt eine sehr gute Teamchemie – aktuell vielleicht sogar noch etwas stärker außerhalb des Basketballs als auf dem Feld. Künftig wird sich das aber auch auf den Basketball übertragen.
Nicht nur Sie, sondern auch viele Ihrer Spielerinnen kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Was ist nötig, um daraus innerhalb weniger Wochen eine echte Einheit zu formen?
Es funktioniert nicht einfach so, dass Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen und automatisch zu einer Einheit werden. Natürlich gibt es Dinge, die ich als Trainer beeinflussen kann. Meine Tricks möchte ich aber gerne für mich behalten. Grundsätzlich bin ich aber ein Fan davon, Spielerinnen ganz bewusst in Situationen zu bringen, in denen sie gezwungen sind, über sich hinauszuwachsen.
Die Zusammenstellung des Kaders und auch die Altersstruktur helfen uns dabei enorm. Wir sind weder zu jung noch zu alt, sondern aus meiner Sicht genau richtig aufgestellt. Dadurch haben die Spielerinnen viele Gemeinsamkeiten und Dinge, über die sie sich austauschen können. Wir haben außerdem gute Führungsspielerinnen wie Pauline Meyer und Bianca Hellmich, um nur zwei zu nennen. Sie versuchen, die anderen Spielerinnen einzubinden und auch außerhalb des Basketballs etwas mit ihnen zu unternehmen. Das hilft sehr.
Die Vorbereitung ist inzwischen abgeschlossen. Was oder wer hat Sie dabei besonders positiv überrascht? Und gibt es eine Spielerin, auf die die Fans in dieser Saison besonders achten sollten?
Ich stelle ungern eine einzelne Spielerin über die anderen. Wenn ich aber eine nennen müsste, wäre es Rosina Ortelli. Sie ist eine unserer jüngsten Spielerinnen und zeigt trotz ihrer bislang wenigen Minuten eine tolle Einstellung. Sie ist immer positiv, kommuniziert gut und gibt immer ihr Bestes.
Grundsätzlich bin ich aber mit der Entwicklung des gesamten Teams sehr zufrieden. Besonders positiv überrascht hat mich in den vergangenen Wochen Jana Koch. Bei unseren ersten Gesprächen war ich zunächst skeptisch, aber sie hat schon jetzt gezeigt, wie gut sie sich entwickeln kann. Auch Bianca Hellmich, Stephanie McBride, Stefanie Kulesza und Akaya Williams haben bislang genau das gezeigt, was wir uns von ihnen versprochen haben.
Die große Frage ist jetzt, wie schnell wir das alles zusammenbringen. Wir bauen praktisch eine neue Mannschaft von Grund auf auf und haben dafür nicht unbegrenzt Zeit. Deshalb müssen wir optimistisch bleiben, gleichzeitig aber auch darauf achten, dass wir möglichst schnell eine funktionierende Einheit werden.
Wenn wir uns am Ende der Saison wieder treffen: Was wäre für Sie persönlich und für die Mannschaft ein erfolgreiches erstes Jahr in Nördlingen?
Für mich ist ganz klar: Wir müssen in die Play-offs. Wenn wir nicht in den Play-offs sind, kann ich die Saison nicht als erfolgreich bezeichnen. Ich kenne die Konkurrenz und weiß, dass die meisten Mannschaften besser geworden sind als im vergangenen Jahr. Das macht es für uns natürlich nicht einfacher. Gleichzeitig bin ich sehr wettbewerbsorientiert. Ich möchte nicht einfach nur entwickeln. Ich möchte gewinnen. Und genau das versuche ich auch den Spielerinnen zu vermitteln: Es geht nicht nur darum, besser zu werden. Es geht darum, besser zu werden und gleichzeitig zu gewinnen.
Für mich sind deshalb die Play-offs das klare Ziel. Und je weiter wir dort kommen, desto besser und desto zufriedener werde ich sein. Gleichzeitig möchte ich sehen, dass die Spielerinnen große Schritte nach vorne machen. Das muss sich nicht unbedingt in den Statistiken zeigen. Ich benutze dafür gerne einen einfachen Vergleich: Wenn man das erste Spiel des Jahres und das letzte Spiel des Jahres anschaut, sollte man einen deutlichen Unterschied erkennen. Wenn das Team am Ende deutlich besser ist, weiß man, dass die eigene Arbeit Früchte getragen hat.
Zum Abschluss noch ein Blick auf den Saisonstart: Wie sieht die kommende Trainingswoche aus?
Wir hatten am Wochenende noch ein Vorbereitungsturnier, deshalb ist am Montag ein freier Tag geplant. Danach geht es mit unserem normalen Rhythmus weiter. Am Dienstag und Donnerstag haben wir jeweils zwei Trainingseinheiten, am Mittwoch und Freitag jeweils eine, am Samstag noch einmal eine Einheit und am Sonntag spielen wir gegen Keltern.
Wir werden uns diese Woche noch nicht ausschließlich auf Keltern konzentrieren, weil es für uns zunächst darum geht, unser eigenes Spiel weiterzuentwickeln. Wenn wir zu früh zu sehr auf den Gegner schauen, verlieren wir den Fokus auf uns selbst.
Vielen Dank für das nette Gespräch und viel Erfolg für die Saison.
Sehr gerne.