Viel schlechter hätte der Auftakt für die Eigner Angels beim Gastspiel in Hannover kaum laufen können. Gerade einmal wenige Minuten waren gespielt, da lagen die Nördlingerinnen bereits mit 0:13 zurück. Während die Gastgeberinnen im Birkendome nach Belieben trafen, musste Pauline Mayer ganze vier Minuten warten, ehe sie die ersten Punkte für die Angels auf die Anzeigetafel brachte. An der Seitenlinie war Coach Rudolfs Rozitis da längst auf Betriebstemperatur.
„Eine Woche lang haben wir besprochen, wie wir spielen wollen und ihr setzt nichts von dem um! Ihr tut das Gegenteil dessen, was wir ausgemacht haben!“, machte der Trainer seinem Team lautstark klar. Neun Angels waren mit nach Niedersachsen gereist, Rosina Ortelli und Leni Körbel fehlten bei der langen Auswärtsfahrt.
Die deutliche Ansprache ihres Trainers zeigte Wirkung
Die Angels fanden allmählich besser in die Partie, kämpften sich Schritt für Schritt zurück und begannen, die zuvor vereinbarten Vorgaben auf dem Feld umzusetzen.
Die größte Waffe der Hannoveranerinnen blieb allerdings der Distanzwurf. Mehr als die Hälfte ihrer Punkte erzielten die Gastgeberinnen von jenseits der Dreierlinie. Zur Halbzeit standen bereits neun erfolgreiche Würfe bei lediglich 13 Versuchen zu Buche – rekordverdächtig.
Zahlreiche Unterbrechungen wegen Unstimmigkeiten am Kampfgericht und die daraus resultierenden Diskussionen auf beiden Seiten machten die Partie zusätzlich hektisch. Rund 400 Zuschauerinnen und Zuschauer in der Schulturnhalle an der Birkenstraße sahen dennoch ein zunehmend ausgeglichenes Bundesligaduell.
Während die Angels unter den Körben Vorteile hatten, dominierten die Luchse zunächst von außen. Der zwischenzeitliche zweistellige Rückstand war vor allem dem missglückten Start geschuldet. Im Nördlinger Lager wuchs deshalb die Hoffnung, dass der Abstand mit zunehmender Spieldauer weiter schrumpfen würde.
Und tatsächlich kamen die Angels immer näher. Sie verteidigten die Distanzschützen konsequenter und nutzten ihre körperlichen Vorteile in Korbnähe. Makiyah Williams und Stephanie McBride setzten sich unter dem Brett wiederholt durch, während Pauline Mayer, Bianca Helmig und ihre Mitspielerinnen in der Defensive mit schnellen Händen immer wieder den Ball eroberten.
Hannover fand jedoch auch auf die kleinsten Nachlässigkeiten der Nördlinger Verteidigung eine Antwort. Sobald eine Spielerin einen Schritt zu spät kam, folgte häufig schon der nächste erfolgreiche Dreier der Gastgeberinnen.
Die Angels ließen sich davon allerdings nicht entmutigen. Mit großem Einsatz, viel Kampfgeist und zunehmender Treffsicherheit arbeiteten sie sich immer weiter heran. Zwischenzeitlich betrug der Rückstand nur noch einen einzigen Punkt. Gleichzeitig verloren die Luchse zunehmend ihre anfängliche Sicherheit, während die Nördlingerinnen unermüdlich Druck machten und sich für ihren Aufwand belohnten.
Angels übernahmen erstmals die Führung
In der 34. Minute war es schließlich so weit: Mit spektakulären Abschlüssen und erfolgreichen Würfen aus der Distanz übernahmen die Angels erstmals die Führung. Die lange Aufholjagd schien sich auszuzahlen. Hannover ließ sich jedoch nicht abschütteln und hielt dagegen.
Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch mit wechselnden Führungen, in dem keine Mannschaft entscheidend davonziehen konnte. Auch in der Schlussphase blieb die Begegnung völlig offen, sodass nach 40 Minuten noch keine Entscheidung gefallen war. Die Verlängerung musste über Sieg und Niederlage entscheiden.
Mit nur neun Spielerinnen im Aufgebot war die Belastung für die Nördlingerinnen inzwischen enorm. Rudolfs Rozitis musste seine ohnehin kurze Rotation deshalb besonders geschickt einsetzen. Die Angels wechselten sich teilweise paarweise in Angriff und Verteidigung ab, um ihren Leistungsträgerinnen kurze Erholungsphasen zu ermöglichen. Diese taktische Maßnahme sollte sich auszahlen: Trotz schwindender Kräfte blieb das Team konzentriert und fand immer wieder Lösungen im Zusammenspiel.
Die Angels hatten sich die Führung hart erkämpft
Auf der Gegenseite versuchten die Hannoveranerinnen zunehmend, die Partie über Einzelaktionen zu entscheiden, blieben damit jedoch häufig erfolglos. Punkte von der Freiwurflinie hielten die Gastgeberinnen im Spiel, doch die Angels behielten auch in der entscheidenden Phase die Nerven.
Vier Sekunden vor dem Ende setzte Stefanie Kulesza, am Ende mit 29 Punkten der X-Faktor, schließlich den entscheidenden Höhepunkt einer ohnehin herausragenden Vorstellung. Nach einem sehenswert herausgespielten Angriff versenkte sie einen Dreier und brachte Nördlingen damit entscheidend nach vorne. Hannover gelang in der verbleibenden Zeit kein erfolgreicher Abschluss mehr.
Damit war der erste Saisonsieg der Angels perfekt – und der Jubel bei den mitgereisten Nördlinger Fans entsprechend groß. Nach einem denkbar schwierigen Start hatte sich die Mannschaft mit unbändigem Kampfgeist, taktischer Disziplin und großem Zusammenhalt zurück in die Partie gearbeitet.
Der verdiente Erfolg in der Verlängerung beschert den Rieserinnen nicht nur die ersten beiden Auswärtspunkte der Saison, sondern dürfte auch für einen wichtigen Schub Selbstvertrauen sorgen. Mit dem 94:92-Auswärtserfolg nehmen die Rieserinnen zwei wichtige Punkte mit nach Hause.
Für die Angels spielten: Pauline Mayer (11 Punkte, 3 Assists, 4 Steals), Bianca Helmig (8 Punkte, 7 Assists, 3 Steals), Eva van Oosten (7 Punkte), Jana Koch (3 Punkte), Inés Alvarez, Marta Rivera (4 Punkte), Makiyah Williams (17 Punkte), Stephanie McBride (15 Punkte, 12 Rebounds), Stefanie Kulesza (29 Punkte, 9 Rebounds).
Bei Hannover fielen auf: Lia Kentzler, Alyssa Brown, Nora Francois (je 16 Punkte), Meret Kleine-Beek (14 Punkte), Prencis Harden (13 Punkte).
(dra)