20 Deutscher Meistertitel, zehnmal den deutschen Pokal gewonnen. Dazu kommen zwölf Erfolge im Weltpokal und sechs Triumphe in der Champions League. Seit 2006 ist der SKV Rot-Weiß Zerbst das Nonplusultra im nationalen und internationalen Kegelsport. Im Vergleich dazu: Real Madrid hat in dieser Zeit sieben Meisterschaften, drei Pokalsiege, sechs Champions-League-Titel und einmal den Weltpokal gewonnen. Nicht zu Unrecht bezeichnet Christoph Kirchbach das Team aus Sachsen-Anhalt deswegen auch als das „Real Madrid des Kegelsports“.
Und diese Ausnahmemannschaft kommt nun zu einem Freundschaftsspiel gegen den ESV Nördlingen, der in der vergangenen Saison in die Bezirksliga aufgestiegen ist. Am Samstag, 22. August, rollen ab 13:00 Uhr im ESV-Vereinssportheim die Kugeln. Wir haben mit Christoph Kirchbach und Abteilungsleiter Urban Singheiser über das Spiel gesprochen und wie ihre Chancen stehen. Zudem haben sie uns verraten, warum der TSV Nördlingen ein Problem für die Kegler ist.
Wie kam es zu dem Spiel gegen den SKV Rot-Weiß Zerbst?
Christoph Kirchbach: Durch meinen vorherigen Verein Eremitenhof Bayreuth. Da hatte Timo Hoffmann mittrainiert. Ich habe dann versucht, ihm so lange auf die Nerven zu gehen, bis er zusagt. Und dann hatten wir tatsächlich Glück.
Jetzt wird Zerbst auch als das Real Madrid des Kegelsports bezeichnet. Was bedeutet dieses Spiel für den Verein?
Christoph Kirchbach: Dass die Stadt mitkriegt, dass es unseren Verein überhaupt noch gibt. Ich habe immer wieder festgestellt, dass viele Nördlinger nicht einmal wissen, dass es einen Kegelverein gibt. Daher wollen wir auch wieder bekannter werden und vielleicht der ein oder andere Lust am Kegeln findet.
Wenn Zerbst das Real Madrid des Kegelns ist, wie würdet ihr euch am Wochenende bezeichnen?
Christoph Kirchbach: Das haben wir auch schon überlegt und mir ist Unterhaching eingefallen.
Wenn man an Bayer Leverkusen denkt, die haben seit dem Saisonfinale im Mai 2000 keine guten Erinnerungen an Unterhaching.
Urban Singheiser: Vielleicht gelingt uns ja so etwas Ähnliches. (lacht)
Was nimmt man als ESV Nördlingen aus dem Spiel gegen Zerbst mit?
Christoph Kirchbach: Einfach mal sehen, wie die an so ein Spiel herangehen, wie die sich drumherum organisieren. Vielleicht gehen die vor dem Spiel noch laufen, während wir uns über das Fußballspiel vom Wochenende unterhalten. Da kann man sich vielleicht ein bisschen was abschauen.
Und auf persönlicher Ebene?
Christoph Kirchbach: Das Spielverhalten! Wie reagieren die auf der Bahn auf verschiedene Situationen? Wahrscheinlich werden wir sie nicht allzu oft in brenzlige Situationen manövrieren. Aber es ist trotzdem spannend, wie die das Niveau über das komplette Spiel hochhalten.
Urban Singheiser: Es ist auch spannend, wie sie in einzelnen Spielsituationen die Kegel anspielen. Oder die Kugelauflage, liegt die genau in der Mitte oder vielleicht ein wenig rechts? Da gib es viele Variationen.
Abgesehen vom Lerneffekt: Was wäre gegen Zerbst ein gutes Ergebnis für den ESV Nördlingen?
Christoph Kirchbach: Wir würden natürlich ganz gerne einen Punkt holen. Das hat Melli (Melanie Steinle, Anm. d. Red.) vorgegeben. Wie wir das machen, wissen wir aber noch nicht genau. (lacht) Trotzdem will jeder mindestens einen Satzpunkt ergattern.
Dann steht auf der anderen Seite auch noch Timo Hoffmann. Der ist mittlerweile eine Legende im Kegeln. Wie entscheidet man, wer gegen ihn antritt?
Christoph Kirchbach: Normalerweise legt die Heimmannschaft ihre Aufstellung fest und dann entscheidet sich die Gastmannschaft. Aber ich schätze mal, dass die vorher schon fragen werden, ob jemand gegen einen bestimmten Spieler antreten will. Es ist kein Champions-League-Finale, wo die taktieren müssen. Aber es ist kein reiner Spaß. Timo Hoffmann hat schon gesagt, dass er sehen will, wie sie auf so einer schweren Bahn agieren. Und auch, wie die einzelnen Ergebnisse sind. Die kämpfen alle um ihre Startplätze.
Ist das eher ein Vor- oder Nachteil für euch?
Christoph Kirchbach: Es kommt uns schon entgegen, dass sie etwas Druck haben. Es ist Vorbereitung, da müssen sie auch was zeigen. Aber wir hoffen auch, dass sie ihre Bestleistung zeigen.
Die Bahn wurde schon mal angesprochen. Zerbst spielt auf modernen Plattenbahnen, hier erwartet sie noch eine ältere Bahn.
Urban Singheiser: Es ist auf jeden Fall eine Umstellung. Die Segmentbahn verzeiht einen kleinen Fehler schon mal, auf der Kunststoffbahn muss man sauberer spielen.
Christoph Kirchbach: Das werden die aber wohl schnell im Griff haben. Zwei, drei Kugeln und dann funktioniert das bei denen. Wir würden da vielleicht 30 Kugeln brauchen.
Was glaubt ihr, geht auf der Bahn?
Urban Singheiser: Ich möchte wissen, was Profis auf der Bahn spielen können. Der Bahnrekord steht bei 616. In der Mannschaft bei rund 3.200. Ich bin gespannt, ob das dann wirklich so brachial auseinandergeht.
Was habt ihr am Wochenende geplant, um das Spiel zu präsentieren?
Christoph Kirchbach: Um möglichst viele Zuschauer unterzubringen, wollen wir im Kegelraum eine Kamera aufstellen, die das Spiel dann nach außen überträgt. Bei gutem Wetter zeigen wir es im Biergarten auf der Leinwand, ansonsten im Gastraum.
Wie würdet ihr Kegel-unkundigen Besuchern kurz beschreiben, worauf sie sich freuen dürfen?
Christoph Kirchbach: Auf hochklassige Duelle. Kegeln ist immer noch etwas als Kneipensport verrufen, wo man rumsitzt, Bier trinkt und ein paar Kugeln rollt. Aber das ist nicht Sportkegeln. Bei den Spielen herrscht striktes Alkoholverbot, es ist richtiger Wettkampf. Nach 120 Kugeln ist man teilweise fertig. Das geht nicht so locker aus der Hüfte. Allein durch die Konzentration ist es schon eine Herausforderung. Vielleicht können wir da das ein oder andere Vorurteil abräumen.
Urban Singheiser: Und vielleicht entschließt sich auch jemand, bei uns mitzumachen. Klar ist das auch eine Überlegung.
Wie ist grundsätzlich die Kegelszene in Nördlingen?
Urban Singheiser: Es werden immer weniger Vereine. Das betrifft nicht nur Nördlingen, sondern das ganze Ries. Wie sollen die Jungen noch dazukommen? Früher gab es in jeder Wirtschaft eine Kegelbahn. Das ist nicht mehr der Fall.
In Nördlingen ist auch der TSV Nördlingen ein Problem, weil dort sehr viele Sportarten angeboten werden. Da gehen die Jungen hin, machen zwei Jahre den Sport, dann zwei Jahre einen anderen. Das geht beim Kegeln nicht. Um konstant auf hohem Level zu spielen, braucht es Training, Training, Training.
Kann das Spiel gegen Zerbst eine Initialzündung sein?
Urban Singheiser: Die Hoffnung ist auf jeden Fall da.
Wie haben die benachbarten Kegelvereine im Ries auf das Spiel reagiert?
Christoph Kirchbach: Die freuen sich, diese Spieler mal hier live sehen zu können. Normalerweise sieht man sie in der Bundesliga oder Champions League im Livestream. Jetzt sind sie hier vor Ort. Einige Vereine haben sich daher schon angemeldet.
ESV Nördlingen - SKV Rot-Weiß Zerbst
- Wann: 22. August, 13:00 Uhr
- Wo: ESV-Vereinsheim, Am hohen Weg 6, Nördlingen
- Weitere Informationen zum ESV Nördlingen Kegeln findet ihr hier.