Die Diskussion um mögliche Windkraftanlagen im Harburger Stadtgebiet nimmt Fahrt auf – zuletzt auch begleitet von teils deutlich zugespitzten Flyern im Stadtgebiet. Bürgermeister Christoph Schmidt sieht die Entwicklung kritisch und wirbt für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema. „In den letzten Wochen wurde mit überzeichneten Flyern Stimmung gemacht“, sagt Schmidt im Gespräch. Viele der dargestellten Szenarien entsprächen so nicht der Realität. Umso wichtiger sei es, die Bürgerinnen und Bürger transparent über den aktuellen Stand zu informieren.
Stadt will mitreden & entscheiden
Dabei betont der Bürgermeister: Konkrete Baupläne für Windkraftanlagen gebe es derzeit nicht. Vielmehr befinde sich die Stadt noch in einer frühen Prüfphase. Bereits 2023 hatte der Regionale Planungsverband mögliche Flächen an die Kommunen herangetragen. Mehrere Standorte, darunter im Bereich Katzenstein oder am „Harberg“ Richtung Mündling, wurden abgelehnt. Das sogenannte Vorranggebiet 55 am Harburger Bock würde hingegen, nach aktuellem Kenntnisstand, übergeordnet festgelegt werden.
Die Stadt Harburg verfolgt nun einen eigenen Ansatz: Durch die Ausweisung eines Gebiets, welches im Bereich der vorgesehenen Vorrangfläche für Wind liegt, soll mehr Einfluss auf die weitere Entwicklung gesichert werden. „Damit haben wir ein Mitspracherecht“, erklärt Schmidt. Voraussetzung sei jedoch eine breite Einbindung der Öffentlichkeit. „Wir wollen nichts durchboxen oder verheimlichen, sondern Schritt für Schritt prüfen. Und hier stehen wir aktuell noch ziemlich am Anfang.“
Die Faktenlage: Nach aktuellem Stand gehe es um maximal sechs mögliche Anlagen im Stadtgebiet. Weitere Windräder seien damit nicht zu erwarten. Für die Prüfung sprechen aus Sicht der Stadt mehrere Faktoren: geeignete Windverhältnisse, ausreichende Abstände zur Wohnbebauung sowie Flächen im Wald, die nach Sturmschäden ohnehin aufgeforstet wurden und deshalb nicht die naturschutzrechtliche Relevanz alter Waldbestände hätten. Auch ökologische Aspekte wie die Tierpopulationen seien bereits untersucht worden.
Wer nutzt den Strom?
Ein möglicher Abnehmer des erzeugten Stroms könnte das Unternehmen Märker sein, das perspektivisch einen steigenden Energiebedarf hat. Eigenstrom könne hier Vorteile bringen – insbesondere im Hinblick auf steigende CO₂-Kosten. Ob sich dies wirtschaftlich rechne, sei derzeit nicht absehbar. Dabei könnten wohl die Standorte der naheliegenden Umspannwerke an der Stadelhofstraße und auf dem Firmengelände von Märker genutzt werden - ein Neubau wäre so nicht notwendig. „Wenn der Strom direkt vor Ort genutzt wird, dann benötigt man bei einer intelligenten Steuerung wohl auch keine neuen Stromtrassen", so der Bürgermeister.
Bis zum 30. April fand nun die öffentliche Auslegung und die Beteiligung der „Träger öffentlicher Belange“ und Bürgerinnen und Bürger statt. Diese dient dazu, Stellungnahmen von verschiedenen Fachstellen als auch aus der Bevölkerung einzuholen – eine rechtliche Bindung entsteht dadurch noch nicht. Parallel ist nach dem jetzigen Stand außerdem ein sogenanntes Zielabweichungsverfahren notwendig, da der Rieskessel regionalplanerisch bisher noch als Ausschlussgebiet für Windenergienutzung definiert ist. „Wir gehen auf jede Stellungnahme ein“, betont Schmidt. Die Auswertung soll in einer gesonderten öffentlichen Sitzung erfolgen. Diese wird dann vermutlich auch in der Schule stattfinden, um den möglichen Zuschauern gerecht zu werden.
Transparente Entscheidungen
Im Juni ist eine Informationsveranstaltungen geplant, bevor sich der Stadtrat im Sommer erneut mit dem Thema befassen wird. Ein möglicher Bau von Anlagen sei aktuell noch in weiter Ferne. „Wir haben keine fertigen Pläne in der Schublade“, so Schmidt. Kritisch bewertet er hingegen die Art der aktuellen Debatte. Viele Argumente seien überzogen oder nichtzutreffend. Auch persönliche Vorwürfe gegenüber der Stadt weist er zurück. „Es ist erschreckend, dass uns als Kommune unterstellt wird, wir wären nicht ehrlich.“
Gleichzeitig betont der Bürgermeister seine Gesprächsbereitschaft: „Ich bin jederzeit offen für den Austausch.“ Bedauerlich sei, dass viele Kritiker bislang anonym auftreten und den direkten Dialog nicht suchen.