Podiumsdiskussion

Zwischen Betroffenheit und Handlungsdruck - Landratskandidaten diskutieren über Hochwasserschutz

Von links: Michael Dinkelmeier (Freie Wähler), Claudia Müller (SPD), Albert Riedelsheimer (Bündnis 90/Die Grünen), Mark Tanner (FDP) und Wertingens Bürgermeister Willy Lehmeier. Bild: Thomas Oesterer
Am Donnerstagabend trafen sich die Donau-Rieser Landratskandidat*innen in Erlingshofen zur Podiumsdiskussion zum Thema Hochwasser. Dabei wurde klar: Sicherheit braucht klare Entscheidungen – Nichthandeln ist keine Option mehr.

Die Erinnerung an das dramatische Hochwasserereignis aus dem Jahr 2024 ist im südlichen Teil des Landkreises noch immer präsent. Viele der rund 90 Besucher*innen im Gasthaus „Zur Grenz“ in Erlingshofen waren selbst betroffen, einige verloren Keller, Felder oder ganze Existenzen. Entsprechend ernst, teils auch emotional, war die Stimmung bei der Podiumsdiskussion der Donau-Rieser Landratskandidaten. Dazu eingeladen hatte der Verein "Deichwächter Zusam-Donau e.V.". Der Einladung gefolgt waren mit Michael Dinkelmeier (Freie Wähler), Claudia Müller (SPD), Albert Riedelsheimer  (Bündnis 90/Die Grünen) dann auch vier von insgesamt sechs Landratskandidat*innen. Claudia Marb (CSU) und Ulrich Singer (AfD) ließen sich hingegen entschuldigen und konnten nicht persönlich vor Ort sein. Unter der Moderation von Wertingens Bürgermeister Willy Lehmeier ging es schnell nicht mehr nur um schmerzhafte Rückblicke, sondern vor allem um die Frage, wie künftige Hochwasserereignisse besser bewältigt werden können – organisatorisch, technisch und auch politisch.

Hochwasserschutz braucht Struktur, Kontrolle und Tempo

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf dem Zustand der Deiche entlang von Zusum und Donau. Albert Riedelsheimer machte deutlich, dass der Unterhalt bestehender Deiche eine originäre Pflicht der Wasserwirtschaft sei. Viele Anlagen hätten im Laufe der Jahre an Höhe und Stabilität verloren. „Die Deiche müssen wieder auf das ursprüngliche Niveau gebracht werden“, forderte er. Notwendig seien regelmäßige Kontrollen, idealerweise digital unterstützt, etwa durch GPS-gestützte Mängelmelder, mit denen Schäden wie Biber- oder Marderbauten schnell lokalisiert und behoben werden könnten. Gleichzeitig müsse der Neubau von Deichen dort vorangetrieben werden, wo bis heute Lücken bestehen – etwa im Bereich Zusum, wo bislang kaum Fortschritte erzielt worden seien.

Auch Mark Tanner betonte die Bedeutung eines konsequenten Unterhalts. Deiche müssten regelmäßig begangen und überwacht werden. Als Vorbild nannte er Systeme aus Norddeutschland mit sogenannten Deichwächtern, die Anlagen täglich kontrollieren – heute mit Quads oder auch Drohnen. Ein solches Modell könne auch im Landkreis Donau-Ries umgesetzt werden, ergänzend sprach sich Tanner für eine stärkere Unterstützung privater Schutzmaßnahmen aus. „Oft reichen schon einfache Mittel“, sagte er und verwies auf gesicherte Kellerfenster, Türabdichtungen oder Rückstauklappen, mit denen Schäden deutlich reduziert werden könnten.

Klare Prioritäten statt jahrelangem Stillstand

Michael Dinkelmeier plädierte für eine strukturierte Herangehensweise. Deichabschnitte müssten systematisch bewertet und priorisiert werden – nach Risiko und Zustand. „Wo sind die Brennpunkte? Dort müssen wir zuerst ran“, sagte er. Entscheidend sei dabei die enge Zusammenarbeit mit Fachbehörden, aber auch die Einbindung des Wissens von Feuerwehren, Anwohnern und Initiativen. Neben der baulichen Ertüchtigung müsse der laufende Unterhalt verbindlich organisiert werden – nicht als freiwillige Aufgabe, sondern als dauerhafte Pflicht.

Claudia Müller unterstrich, dass Deiche technische Bauwerke seien und entsprechend behandelt werden müssten – ähnlich wie Straßen oder Brücken. Regelmäßige Inspektionen und schnelle Reparaturen seien unerlässlich. Gleichzeitig verwies sie auf die begrenzten Zuständigkeiten des Landkreises. Umso wichtiger sei es, gegenüber dem Freistaat klar einzufordern, dass ausreichend Personal und Mittel für den Hochwasserschutz bereitgestellt werden. „Hochwasserschutz darf nicht an Zuständigkeitsfragen scheitern“, so Müller.

Kritische Infrastruktur und Krisenmanagement

Neben klassischen Hochwasserschutzmaßnahmen rückte auch der Schutz kritischer Infrastruktur in den Fokus. Dinkelmeier verwies darauf, dass Staustufen, Wasserwerke und Energieversorgung im Krisenfall besonders sensibel seien. Entscheidungen müssten dann schnell getroffen werden können, notfalls direkt vor Ort. Müller ergänzte, dass absolute Sicherheit zwar nicht erreichbar sei, der Fokus aber klar auf den Einrichtungen der Daseinsvorsorge liegen müsse. Riedelsheimer sprach sich für mehr Resilienz aus, etwa durch eigene Stromversorgung von Wasserwerken mittels Photovoltaik oder Notstromlösungen. „Wir müssen handlungsfähig bleiben, auch wenn der Strom länger ausfällt“, sagte er.

Kommunikation als Schlüssel zur Sicherheit?

Aus dem Publikum kam deutliche Kritik an der Kommunikation während der Hochwasserereignisse 2024 und auch danach. Widersprüchliche Informationen und verspätete Warnungen hätten viel Vertrauen gekostet. Alle Kandidaten waren sich einig, dass hier nachgebessert werden müsse. Einheitliche Warnsysteme, klare Informationsketten und eine stärkere Präsenz der Einsatzleitungen vor Ort wurden als zentrale Punkte genannt. Tanner brachte es auf den Punkt: „Offizielle Informationen müssen schneller sein als Gerüchte.“ 

Besonders scharf fiel die Kritik an Verwaltungsabläufen und behördlicher Kommunikation aus. Ein Gast schilderte ein Schreiben des Landratsamtes zur Wirkungsweise der Staustufen, das er sowohl inhaltlich als auch im Tonfall als unpassend empfand. Die Kritik machte deutlich, dass viele Betroffene sich in der Hochwassersituation nicht ausreichend ernst genommen fühlten. Michael Dinkelmeier betonte in diesem Zusammenhang, dass Führung vor allem klare Haltung, Struktur und Entscheidungsfähigkeit verlange. Wenn Probleme auftreten, müsse man sie zur Chefsache erklären und im direkten Gespräch klären. Claudia Müller wies darauf hin, dass ein Landrat nicht jedes der zahlreichen Schreiben persönlich verfassen könne, unterstrich jedoch die Verantwortung der Verwaltung, Hinweise transparent aufzugreifen und gemeinsam mit den Betroffenen aufzuarbeiten. Albert Riedelsheimer kritisierte scharfe Formulierungen in amtlichen Schreiben deutlich und sprach sich für persönliche Gespräche statt schriftlicher Eskalation aus – insbesondere dann, wenn es bereits eine Vorgeschichte gebe.

Einigkeit herrschte auch bei der Einschätzung, dass Hochwasser künftig häufiger auftreten werde. Der Klimawandel sei Realität, betonte Müller. Riedelsheimer ergänzte, dass jedes Hochwasser anders verlaufe, die Tendenz aber eindeutig sei. Neben Deichen brauche es deshalb zusätzliche Maßnahmen wie Rückhalteflächen, Flutmulden, eine verbesserte Gewässerpflege sowie Förderprogramme für Zisternen und Regenrückhalt, um Abflussspitzen zu reduzieren.

Der nächste Ernstfall kommt

Die Podiumsdiskussion machte deutlich: Hochwasserschutz ist längst mehr als eine technische Frage von Deichen und Dämmen. Es geht um Vertrauen in Behörden, klare Führungsverantwortung, funktionierende Kommunikation und die Fähigkeit, aus Krisen zu lernen. Die Wortmeldungen aus dem Publikum zeigten, wie tief die Ereignisse von 2024 nachwirken – und wie hoch die Erwartungen an den künftigen Landrat oder die künftige Landrätin sind.

Einig waren sich alle Kandidaten darin, dass Nichthandeln keine Option mehr ist. Der nächste Ernstfall kommt – die Frage ist nur, wie gut der Landkreis dann vorbereitet ist.

Redakteur. Schreibt bei uns für Online und blättle. Ist in Donauwörth geboren und aufgewachsen und der Stadt sehr verbunden. In seiner Freizeit als Spieler und Trainer auf den Fußball - und Tennisplätzen der Region zu finden.

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