Bereits um 08:00 Uhr stehen die ersten Zuschauer am Gelände. Mit Kameras und Smartphones warten sie darauf, dass sich die gewaltige Stahlkonstruktion in Bewegung setzt. Nach und nach füllen sich die Flächen rund um die Baustelle. Was sich an diesem Vormittag abspielt, ist schließlich nicht nur für die Verantwortlichen des Bauprojekts etwas Besonderes.
Kurz nach 09:00 Uhr geht es los. Langsam setzt sich die Brücke in Richtung des gegenüberliegenden Donauufers in Bewegung. Die Dimensionen des Bauwerks werden dabei besonders deutlich: 107 Meter lang, rund 950 Tonnen schwer – und nun schwimmend auf der Donau.
Ein ungewöhnlicher Transportweg
Dass die Brücke nicht einfach auf dem Landweg an ihren Platz gebracht werden kann, liegt an ihrer besonderen Konstruktion. In den vergangenen Monaten wurde die Netzbogenbrücke auf einem Montagefeld direkt neben der Donau fertiggestellt. Am Mittwoch schoben Schwerlastfahrzeuge die komplette Konstruktion über Verschubbahnen auf die bereitstehenden Schwerlastpontons. Am Donnerstag folgt nun der spektakulärste Teil der Aktion: Das nördliche Ende der Brücke wird über den Fluss zum provisorischen Pfeiler bewegt.
Rund 450 Tonnen der Brückenlast liegen dabei auf dem Ponton. Das rund 36 mal 12 Meter große schwimmende Konstrukt muss während des gesamten Vorgangs stabil gehalten werden. Dafür wird unter anderem der Wasserstand in den einzelnen Pontons mithilfe von Pumpen reguliert. „Mit dem Wasser wird die Höhe ausgeglichen“, erklärt Baudirektor Markus Kreitmeier, Bereichsleiter Straßenbau beim Staatlichen Bauamt. Sobald sich die Last auf dem Ponton verändert, muss entsprechend gegengesteuert werden.
Zentimeterarbeit auf dem Wasser
Für die Zuschauer sieht der Vorgang zunächst fast gemächlich aus. Tatsächlich steckt dahinter eine minutiöse Planung. Die Pontons werden an ihren vier Ecken mit Stahlseilen gesichert, damit sie nicht von der Strömung abgetrieben werden. Genau diese Seile sorgen an diesem Vormittag auch für eine längere Pause. Nachdem die Brücke ein gutes Stück zurückgelegt hat, müssen die Sicherungen im Bereich des bestehenden Pfeilers umgesetzt werden. Einmal wird das rechte, einmal das linke Seil umgehängt, anschließend werden die Verbindungen wieder gespannt. Kreitmeier und sein Team verfolgen jeden einzelnen Schritt.
Die eingesetzten Spezialisten sind per Funk miteinander verbunden. Einer gibt die Kommandos und koordiniert, wann die Schwerlastfahrzeuge schieben oder welche Winde anziehen beziehungsweise nachlassen muss. „Das läuft sehr unaufgeregt und die wissen alle, was sie machen müssen“, sagt Kreitmeier. Und tatsächlich: Trotz der gewaltigen Last wirkt der gesamte Vorgang erstaunlich ruhig.
Nach einer halben Stunde ist die Hälfte geschafft
Rund eine Stunde dauert es, bis die notwendigen Sicherungsseile umgesetzt sind. Danach geht es deutlich schneller voran. Für die Zuschauer ist die Pause allerdings alles andere als ein Ärgernis. Immer mehr Menschen kommen im Laufe des Vormittags nach Marxheim. Wer erst später eintrifft, bekommt ebenfalls noch die Möglichkeit, das ungewöhnliche Schauspiel zu beobachten.
Auch Kreitmeier zeigt sich von der Resonanz angetan. Mit so vielen Menschen habe er zu Beginn nicht gerechnet. Die umfangreiche Vorberichterstattung in Zeitung und Rundfunk habe aber offenbar das Interesse geweckt. Einer, der die Bedeutung des Tages für Marxheim besonders gut einschätzen kann, ist Bürgermeister Alois Schiegg. Auch er steht am Donnerstag an der Baustelle und beobachtet das Geschehen. Die große Zahl der Besucher beeindruckt ihn sichtlich: „Das ist der Wahnsinn. Diejenigen, die heute hier dabei sind, werden so etwas wohl kein zweites Mal erleben."
Schiegg blickt dabei nicht nur auf den spektakulären Moment an diesem Donnerstag. Die neue Donaubrücke hat für die Gemeinde eine lange Vorgeschichte. Bereits im Jahr 2000 sei das Thema erstmals im Gemeinderat behandelt worden. 25 Jahre später wird die neue Verbindung nun gebaut. „Das ist ein Jahrhundert- oder Jahrtausendwerk“, sagt der Bürgermeister. Vor allem für die Nord-Süd-Verbindung sei die Brücke von großer Bedeutung.
Ein langer Weg findet seinen sichtbaren Höhepunkt
Die Dimension des Projekts wird an diesem Tag besonders greifbar. Wo sonst vor allem Baustellenfahrzeuge und Kräne das Bild bestimmen, bewegt sich plötzlich eine komplette Brücke über die Donau. Rund um die Baustelle ist die besondere Stimmung dennoch deutlich spürbar. Das Staatliche Bauamt hat einen Informationsstand eingerichtet, die örtliche Feuerwehr kümmert sich um die Verpflegung und immer wieder richten die Besucher ihren Blick zur inzwischen angekommenen Brücke.
Für die Verantwortlichen ist der Einschwimmvorgang das Ergebnis langer Vorbereitung. Allein die Planunterlagen für die zweitägige Aktion umfassen laut Kreitmeier einen dicken DIN-A4-Ordner. Für die beteiligten Fachleute ist das Bewegen solcher Lasten zwar tägliche Arbeit. Für Marxheim und die Zuschauer am Donauufer ist es dagegen ein Ereignis, das sich wohl kaum wiederholen wird. Mittlerweile hat die Stahlkonstruktion die andere Seite der Donau erreicht und am provisorischen Pfeiler aufgesetzt. Damit ist der spektakulärste Teil des Einschwimmvorgangs erfolgreich abgeschlossen. Bevor die Arbeiten vollständig beendet sind, müssen nun noch die Schubbahnen ausgerichtet und befestigt werden. Anschließend wird die Brücke vom Ponton auf den provisorischen Pfeiler geschoben. Erst dann ist auch der letzte Arbeitsschritt dieses aufwendigen Bauvorgangs erledigt.