6. Februar 2019, 12:17

Gepflegte Braukultur ohne Pomp und großes Tamtam

Exklusive Führung für VDI-Mitglieder Bild: Dieter Möhle
Die VDI Regionalgruppe organisierte für seine interessierten Mitglieder am Nikolaustag 06.12.2018 eine exklusive Exkursion durch die Produktions- und Logistikanlagen der Oettinger Brauerei GmbH.

Die aus der ganzen Region angereisten Teilnehmer waren nicht nur von der schlichten Betriebsgröße auf dem rund 25 Hektar großen Gelände beeindruckt.

Es soll noch Leute geben, die es noch nicht kennen oder sogar verschmähen: Oettinger Bier. Die Teilnehmer der exklusiven VDI-Exkursion im Werk 2 der Oettinger Brauerei GmbH waren sich dagegen alle einig: Was hier seit jeher aus hochwertigen Rohstoffen nach dem Deutschen Reinheitsgebot, also nur aus Wasser, Hopfen, Malz und Hefe gebraut wird, sind vielfach auditierte und ausgezeichnete, deutsche Qualitätsprodukte bester Güte. Oettinger legt nach eigenen Angaben „großen Wert auf eine gepflegte Braukultur“, die Vermarktung erfolgt „ohne Pomp und großes Tamtam“ und ohne „Premium-Schnickschnack“. Der Erfolg ist das Produkt: „Echtes Bier ohne Dünkel. Produktvielfalt ohne Abstriche. Kräftig, würzig, süffig. Und null teuer“.

Die Gründung des Familienunternehmens mit Sitz in Oettingen im bayerischen Schwaben kann bis in das Jahr 1731 zurückverfolgt werden. Das im 20. Jahrhundert zur Genossenschafts-Brauerei umfirmierte „Fürstliche Brauhaus zu Oettingen, OETTINGER Bier“ wurde 1956 von Otto und Günther Kollmar übernommen. Günther Kollmar prägte ab den 1970er Jahren, als die Ära der Supermärkte begann, eine neue Unternehmensstrategie, die bis heute konsequent und erfolgreich verfolgt wird: Er etablierte direkte Vertriebsformen und die Ausrichtung auf preisbewusste Verbraucher. Fortgeführt wurde die Erfolgsgeschichte von Günther Kollmars Sohn, Dirk Kollmar. Bereits 1993 wurde er geschäftsführender Gesellschafter der Oettinger Brauerei und setzte wegweisende Impulse. Er führte, zusammen mit seinem Vater, den eingeschlagenen Weg fort. Das Unternehmen entwickelte sich vom reinen Bierbrauer zum flexibel agierenden und facettenreichen Getränkehersteller. Nach dem Ableben von Günther Kollmars (2013) und dessen Sohn Dirk Kollmar (2014) sehen Geschäftsführung und Mitarbeiter ihre Aufgabe in der Verpflichtung, den eingeschlagenen Weg der Gründer konsequent weiter zu verfolgen.

Das Sortiment umfasst derzeit ca. 30 Biersorten, Biermischgetränke und Glorietta®-Limonaden, vorwiegend in Mehrweg-, Dosen- und PET-Gebinden. Oettinger erzielt mit seiner schlanken Organisationsstruktur und motivierten, gut ausgebildeten Mitarbeitern eine hervorragende Produktivität. Die ressourcenschonende Produktion wir an hochmodernen Produktionsanlagen effizient und kostengünstig realisiert. Auf teure Werbung und ausgefallene Etikettierung wird verzichtet. Jeder Kunde wird direkt am „Point of Sale“ durch die eigne Lieferflotte direkt beliefert. Zwischenhandel gibt es nicht. Der Telefonvertrieb orientiert sich im täglichen Direktkontakt am ständig wechselnden Kundenbedarf.

Oettinger war von 2004 bis 2013 die erfolgreichste Biermarke Deutschlands, dicht gefolgt von Krombacher. Das Unternehmen erobert mit rund 8,6 Mio. Hektoliter Ausstoß (2017) zunehmend auch den internationalen Markt. Gebraut wird daher längst nicht mehr nur am Stammsitz des Unternehmens, in der barocken Residenzstadt Oettingen im Landkreis Donau-Ries. Weitere Braustätten befinden sich in Mönchengladbach, Braunschweig und Gotha. Um die bundesweite Direktauslieferung zu gewährleisen, entstanden zusätzliche Logistikzentren: Über das Auslieferungslager Walldorf (Nähe Speyer) wird vorwiegend das mitteldeutsche Gebiet bedient. „Oettinger International“ in Hamburg beliefert die nördlichen Regionen und, wie aus dem Namen abzulesen, die internationale Kundschaft in mehr als 80 Ländern auf der ganzen Welt.

Am Stammsitz in Oettingen befindet sich im Werk 1 (Nord) die Verwaltung und das kleinere der beiden immerwährend dampfenden Sudhäuser. Im Werk 2 wurden weitere Kapazitäten geschaffen. Rund um Oettingen verbindet eine lange Bierpipeline die beiden Werke. Es hält sich seit langem das Gerücht, dass die Oettinger Bürger in ihren Kellern eigene Hausanschlüsse für Bier hätten. Doch es ist und bleibt nur eine nette Vorstellung, erklärte Brauereiexperte Wolfgang Baron im Rahmen der informativen Einstiegspräsentation über das Brauverfahren im Allgemeinen. Vor dem anschließenden Rundgang über das ca. 25 ha große Gelände im Werk 2, wo neben dem größeren Sudhaus auch die Abfüllung und der Versand abgewickelt wird, erhielten alle Teilnehmer die vorgeschriebene Sicherheits- und Hygienekleidung und eine penible Hygiene-Belehrung. Über Kopfhörer und Sprechfunk-Empfänger folgte der Startschuss zum nächtlichen Werksgelände-Spätschicht-Marathon, Teil eins.

Von den vielen Mitarbeitern war, außer dem für die Sicherheit zuständigen Begleiter in neongelber Warnweste, zunächst keiner zu sehen. Die weihnachtliche LED-Beleuchtung vor den Sozialräumen erinnerte am Nikolausabend (06.12.2018) an die in der Getränkeindustrie eher umsatz- und nachfrageschwächere „Durststrecke“ im Winterhalbjahr.

Brauen beginnt bei Oettinger mit der sorgfältigen Auswahl erlesener Rohstoffe. In der Malzannahme wird daher jede Anlieferung im Labor auf mögliche Verunreinigungen und Rückstände überprüft. Oettinger Bier ist zudem frei von Gentechnik: Seit März 2013 kennzeichnet das komplette Sortiment das Siegel „Ohne Gentechnik“. Damit garantiert das Unternehmen dem Verbraucher eindeutig und nachvollziehbar, dass es nicht nur höchste Qualitätsanforderungen an alle Prozessschritte anlegt, sondern auch sicherstellt, dass sich keinerlei Spuren von gentechnisch veränderten Rohstoffen in den Produkten befinden. Oettinger definiert sich damit selbst hohe Maßstäbe an Qualität und Sicherheit beim Brauen über die branchenüblichen Standards hinaus.

Vorbei an turmhohen Gär- und Lagertanks aus tonnenschwerem Edelstahl führte der Rundgang zu den Schrotmühlen, Maisch- und Läuterbottichen. In den Würzpfannen wird aus dem gemaischten Malz Zucker gelöst und nach dem Durchlaufen der Würzekühler durch Hefezugabe zum Gären gebracht. Je nach Biersorte und Hopfung wird die Maltose von der Brauhefe in den Lagertranks ober- und untergärig zu Ethanol und Kohlenstoffdioxyd abgebaut. Durch die abschließende Filtration entstehen so vielfältige Bierspezialitäten. Die einzelnen Brauschritte verbindet ein schier unüberschaubares Netz überdimensional anmutender Edelstahlrohre und -tanks über mehrere Etagen in (fast) menschenleeren Hallen. „Im hochmodernen Sudhaus will ich mich nicht lange aufhalten, denn mit jeder Treppenstufe und Etage steigt dort auch die Temperatur“, kündigte Exkursionsleiter Wolgang Baron an. Von den in den insgesamt 24 Biertanks und den durch die Rohren strömenden und gärenden Bierspezialitäten war selbstverständlich aus Hygienegründen nichts zu erkennen. Kein Biergeruch, keine Schaumkrone, kein Tropfen weit und breit! Noch nicht!

Dann folge doch noch eine kurze Gelegenheit zur Verkostung der persönlichen Lieblingsbier- oder Limonadensorte. Die zweite Etappe der Besichtigung führte durch die beeindruckend großen Vollgut-Lagerhallen, die sich zurzeit in Wartung befindliche Dosen-Abfüllanlage, weiter zur Leergutbehandlung, -sortierung und -reinigung. Weitere Highlights waren dann die insgesamt vier Mehrweg-Abfüllanlagen und der Flaschen-Inspektor. Besondere Aufmerksamkeit zollte die Besuchergruppe auch dem professionell organisiert anmutenden Gabelstapler-Ballett im Logistikbereich. Hier wird sichergestellt, dass die abends eintreffende Lieferflotte entladen und ab den frühen Morgenstunden für den nächsten Lieferturnus perfekt organisiert gerüstet ist.

Perfekt organisiert war auch die Weiterfahrt mit dem Tour-Bus nach Mittelfranken zum historischen Ursprung der Oettinger Brauerei. Dort, im rund 20 km entfernten Heimatort des Firmengründers, im Wassertrüdinger Ortsteil Fürnheim im Landkreis Ansbach, wurde bis 1958 und dann wieder ab 1997 Bier gebraut. Im liebevoll renovierten und ausgestatteten Brauereigebäude, der heutigen „Fostquell-Brauerei“ und der zugehörigen Brauereiwirtschaft „Zum Schwarzen Adler von Friedrich Höhenberger“, bot sich reichlich Gelegenheit, die Hausmarken der heute nur noch für den Eigenbedarf des fränkischen Gasthausjuwels gebrauten Spezialitäten in ursprünglich-gemütlicher Geselligkeit zu verköstigen. Im Angebot waren natürlich auch weitere fränkische Spezialitäten, wie „Brodwerschd“ oder „Schäufele mit Kraut“, Salate und feine vorweihnachtliche Desserts. (pm)