27. Mai 2019, 13:03

Kleben statt Bohren

Die neuartige Solarfolie erschließt zusätzliche Potentiale zur Stromerzeugung aus Photovoltaik auf Fassadenflächen – Montagearbeiten bei der Schneller Mühle in Donauwörth. Bild: LEW / Timian Hopf
Solarfolie erschließt neue Potentiale zur Stromerzeugung aus Photovoltaik auf Fassadenflächen: Lechwerke und Heliatek starten Pilotversuch bei der Schneller Mühle in Donauwörth.

Am Getreidesilo der Schneller Mühle in Donauwörth schimmert in rund 20 Metern Höhe ein bläuliches, rund 230 m² große Rechteck. Es handelt sich um 120 HeliaSol®-Elemente, eine spezielle von Heliatek aus Dresden, dem Marktführer für organische Photovoltaik. Gemeinsam mit den Lechwerken (LEW) wird die Technologie im Rahmen eines Langzeittests erstmals auf rauem Beton, in einer solchen Höhe und auf so großer Fläche untersucht. Die Anlage hat eine Leistung von rund 10 kWp und produziert etwa 6.700 kWh Strom im Jahr. Die Schneller Mühle wird den produzierten Strom für den laufenden Betrieb verwenden. Die Ergebnisse fließen in die Heliatek-Produktentwicklung und -optimierung im Hinblick auf den geplanten Start der Serienproduktion im kommenden Jahr. Außerdem versprechen sich die Projektpartner Erkenntnisse zu den weiteren Einsatzmöglichkeiten.

Gerade für Industrie- und Gewerbebauten sind Fassadeninstallationen eine Möglichkeit zur Eigenstromerzeugung aus Sonnenenergie: „Fabrik- oder Lagerhallen beispielsweise verfügen oft über große Fassadenflächen, deren PV-Potential bisher viel zu wenig genutzt wird“, sagt Martin Krammer, Projektverantwortlicher von LEW.

Im Vergleich zu herkömmlichen Solarmodulen ist die Solarfolie, die nun getestet wird, sehr leicht und biegsam. Dadurch kann sie auf unterschiedlichste Fassadenformen und -oberflächen angebracht werden. Anders als die bekannten Dachmodule verlieren die Folien bei hohen Temperaturen außerdem nicht an Leistung. Daher benötigen sie auch keinen Lüftungsabstand zur Kühlung, sondern können direkt auf die Fassade geklebt werden. „Unsere bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass Aufwand und Kosten für die energetische Aufwertung von Gebäuden geringer sind als bei herkömmlichen PV- Modulen“, erklärt Michael Meißner, Ingenieur Produktentwicklung bei Heliatek. Zudem zeichnen sich die Folien durch ihre Umweltfreundlichkeit aus: Sie bestehen aus organischem Material und werden ohne giftige Stoffe oder Schwermetalle hergestellt. 

Für den Pilotversuch eignet sich die Fassade der Schneller Mühle sehr gut: „Aufgrund der Höhe des Getreidesilos gibt es einerseits keinen Schattenwurf von umgebenden Gebäuden, gleichzeitig verspricht die Südausrichtung der Fassade viele Sonnenstunden, die für die Stromerzeugung genutzt werden können“, sagt LEW-Spezialist Martin Krammer. „Hier kann die Folie besonders gut ihre Vorteile ausspielen.“

„Mühlen waren die ersten Einsatzgebiete für erneuerbare Energien. An diese Tradition wollen wir anknüpfen und überlegen daher schon seit Jahren, in eine PV-Anlage zu investieren“, sagt Michael Schneller, Inhaber der Schneller Mühle. Bei der Silofassade habe man solche Projekte bisher jedoch nicht angreifen können: „Bei gewöhnlichen PV-Modulen hätten wir aufwendige Bohrungen vornehmen müssen und die hätten das Gebäude womöglich nachhaltig beschädigt.“ Bei HeliaSol® ist das nicht der Fall: Ähnlich wie beim Tapezieren werden die sechs Meter langen und rund 32 Zentimeter breiten Bahnen nach einer Reinigung und Grundierung der Fassade einfach angeklebt. „Für uns ist das die ideale Möglichkeit, um selbst Strom zu erzeugen. Darüber hinaus ist es uns ein persönliches Anliegen, den Umbau der Energieversorgung voranzubringen. Wir freuen uns, dass wir durch das Projekt einen Beitrag hierzu leisten können“, sagt Michael Schneller.

Ein ähnliches Projekt haben Heliatek und innogy im vergangenen Jahr am Duisburger Hafen umgesetzt. Dabei wurden insgesamt 185 m² der Solarfolie auf die Metallfassade einer Lagerhalle angebracht. Auch an der LEW-Betriebsstelle in Augsburg-Oberhausen sind die Klebefolien auf einer kleinen Fassadenfläche bereits im Einsatz. Mit dem Pilotversuch in Donauwörth werden bisherige Erfahrungen nun erweitert. 

Die Erträge der Anlage an der Schneller Mühle werden über die kommenden Jahre hinweg erfasst und ausgewertet: „Wir bieten bereits PV-Lösungen für Privat- und Geschäftskunden an. In der Vergangenheit kam es aber immer wieder vor, dass wir Projekte wegen Problemen mit der Dachstatik der Gebäude nicht umsetzen konnten“, erzählt Martin Krammer von LEW. „Mit der Folientechnologie und den Erkenntnissen aus dem Pilotversuch, wollen wir künftig die PV-Potentiale von Fassaden oder Dächern mit schwieriger Statik intensiver nutzen und Kunden entsprechende Lösungen anbieten.“ (pm)

Die Solarfolie ist sehr dünn und biegsam und wird einfach auf die Fassade geklebt. Bild: LEW / Timian Hopf