16. Februar 2021, 12:47
IHK

Ein weiteres Krisenjahr für die Wirtschaft im Donau-Ries

Von links: Wolfgang Winter, Vizepräsident Regionalversammlung Donau-Ries, Bettina Kräußlich, Regionalgeschäftsführerin IHK Nordschwaben und Andreas Dirr, Regionalvorsitzender IHK Donau-Ries. Bild: Jenny Wagner
Aus der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage ergibt sich, dass auch 2021 ein Krisenjahr für die Wirtschaft im Donau-Ries werden wird. Selbst wenn der Lockdown bald vorüber sein wird, ist keine schnelle Erholung der Wirtschaft zu erwarten.

Die aktuelle IHK-Konjunkturumfrage zeigt: Die Wirtschaft steht vor einem weiteren Krisenjahr – auch im Donau-Ries. „Der erneute Lockdown hat die wirtschaftliche Erholung im Herbst 2020 abgewürgt. Bei vielen Unternehmen wird es eng“, sagt IHK-Regionalversammlungsvorsitzender Andreas Dirr. Angesichts dieser Lage und der erneuten Verlängerung des Lockdowns bis 7. März fordert die IHK-Regionalversammlung Donau-Ries eine konkrete Öffnungsperspektive für die Betriebe. „Der Ärger in der Unternehmerschaft wächst, vor allem in den stark betroffenen Branchen. Es ist kaum vermittelbar, dass Unternehmen, die praktikable Hygiene- und Schutzmaßnahmen umsetzen können, teilweise monatelang geschlossen bleiben müssen“, kommentiert IHK-Vizepräsident Wolfgang Winter die aktuelle Situation.

Die Wirtschaft steht laut der IHK-Umfrage vor einer konjunkturellen Zerreißprobe: Während sich die Industrie und die Bauwirtschaft momentan noch robust zeigen, werden Reise- und Gastgewebe sowie Einzelhandel immer weiter abgehängt. „Die politischen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung waren wichtig und konsequent. Wir brauchen jetzt dringend ein situativ differenzierteres Vorgehen beim staatlichen Krisenmanagement. Ein Lockdown als einzige Antwort auf diese Ausnahmesituation reicht auf Dauer nicht aus. Wichtig ist, Gesundheitsschutz und Wirtschaft in Einklang zu bringen. Wir müssen endlich die digitalen Potentiale auf allen Ebenen besser ausschöpfen“, erläutert Dirr.

Winter sorgt sich um die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe, die Gastronomie, der Einzelhandel oder die Hotellerie in der Region. „Für sie fehlt nach wie vor eine verlässliche Perspektive, um Insolvenzen und Existenzverluste zu verhindern. Die Last der Corona-Krise darf nicht auf einzelnen Branchen und Unternehmen abgeladen werden. Daher müssen nun auch die zugesagten Wirtschaftshilfen schnell und unbürokratisch fließen.“

Keine schnelle Erholung zu erwarten

Zum Jahresbeginn ist der IHK-Konjunkturindex deutlich gesunken. Der Index ist Gradmesser für die wirtschaftliche Entwicklung. Er gibt an, wie die Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage und Erwartungen beurteilen. Nach dem freien Fall des Indizes im Frühjahr 2020 auf nur noch 84 Punkte war er im Herbst wieder auf 109 Punkte gestiegen. Nun der erneute Rückgang auf 100 Punkte. Auffällig ist die enorme Spreizung zwischen den Unternehmen je nach Branche und Geschäftsschwerpunkt. Jeweils ein gutes Drittel der Unternehmen spricht von einer guten oder befriedigenden Situation, beim Rest laufen die Geschäfte schlecht.

Auch die regionalen Banken beobachten die aktuelle Situation mit Sorge, wie Paul Ritter, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen-Volksbank Ries eG. Er stellt fest: „Die Krise kennt wenige Gewinner, aber leider zu viele Verlierer. Nachdem viele Betriebe nun seit mehr als drei Monaten im Lockdown feststecken, ist ihre Finanzlange oftmals angespannt und bedroht manchen Betrieb in seiner Existenz.“

Reise- und Gastgewerbe und Einzelhandel leiden massiv unter Lockdown

Dramatisch ist die Lage in den Branchen, die besonders von Betriebsschließungen betroffen sind: im Reise- und Gastgewerbe sowie im Einzelhandel. 93 Prozent aller Tourismusbetriebe sprechen von einer schlechten Geschäftslage. 95 Prozent mussten bereits 2020 einen Umsatzrückgang verkraften. „Für den Tourismus und die Freizeitwirtschaft geht es mittlerweile uns blanke Überleben. Die Wirtschaftshilfen allein reichen oft nicht aus, um die drohende Insolvenz abzuwenden. Und die Auszahlung dauert viel zu lange, das ist für Unternehmen in Not nicht zumutbar. Unsere Branche braucht dringend eine konkrete Perspektive mit vertretbaren Richtlinien für eine dauerhafte Öffnung“, sagt Joachim Kaiser, Inhaber Wirtshaus Meyers Keller in Nördlingen.

Differenzierter ist die Lage im Einzelhandel. Hier gibt es auch Unternehmen, die bislang gut durch die Krise gekommen sind. Ein Viertel der Händler steigerte sogar den Umsatz, aber 50 Prozent mussten teils massive Verluste verkraften. Während der Online- oder Lebensmittelhandel oftmals gute oder sehr gute Geschäfte verzeichnet, ist das Geschäft beispielsweise im stationären Handel mit Saisonware komplett eingebrochen.

Florian Britzelmeir, Inhaber des gleichnamigen Modegeschäftes in Rain und Wemding, sagt zur aktuellen Lage: "Der Textileinzelhandel hat zuerst das Wintergeschäft und vor allem das wichtige Weihnachtsgeschäft verpasst, nur droht eine Wiederholung im Frühjahr. Der Handel ist an der Schmerzgrenze. Erst seit letzter Woche kann die Überbrückungshilfe III für hohe Umsatzeinbrüche seit November 2020 beantragt werden. Die Hilfen müssen nun sehr schnell ankommen, um eine Pleitewelle zu verhindern. Der Lockdown wird tiefe Spuren auch in unseren Innenstädten hinterlassen."

Wirtschaft befürchtet Kollateralschäden

Die bisherige Lockdown-Strategie der Politik und deren Krisenmanagement sorgen für Unmut und Unverständnis bei den Unternehmern und Mitarbeitern. Ein ‚Weiter so‘ kann und darf es daher nicht geben, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht ernsthaft zu gefährden. „Die Menschen haben das Vertrauen in die Politik verloren. Impfchaos und teilweise unverständliche Restriktionen zur Eindämmung von Corona haben zu einer tiefen Perspektivlosigkeit in der Bevölkerung geführt. In den Belegschaften der Unternehmen wächst die Unruhe“, beschreibt Stefan Schweitzer, Prokurist der GEDA GmbH aus Asbach-Bäumenheim, die Situation.

Der Geschäftsführerin der Märker Zement GmbH aus Harburg, Gerlinde Geiß, brennt noch ein anderes Thema unter den Nägeln. „Wir müssen aufpassen, dass aufgrund der Corona-Diskussion nicht längst überfällige Themen politisch vernachlässigt werden. Dazu gehören der versprochene Bürokratieabbau, Steuerentlastungen, aber auch die Energiewende, die nicht mit der notwendigen politischen Aufmerksamkeit verfolgt wird. Gerade das sind aber für den Mittelstand als tragende Säule der Wirtschaft wichtige Themen“. (pm)