Vor 30 Jahren war Demenz noch kaum ein Thema in der Öffentlichkeit. Über Vergesslichkeit, Persönlichkeitsveränderungen oder psychiatrische Erkrankungen im Alter wurde selten gesprochen. Heute wissen Fachleute: Hinter dem Begriff verbergen sich rund 50 verschiedenen Erkrankungsformen. Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland sind an Demenz erkrankt – Tendenz steigend! Eine Heilung gibt es bislang nicht, doch eine frühe Unterstützung kann den Alltag für Betroffene
und deren Familien deutlich erleichtern.
Sozialpädagogin Helga Eger-Geiger erklärt, dass sich eine Demenz meist schleichend entwickelt. „Demenz ist zäh wie ein Kaugummi“, beschreibt sie. Oft sind es zunächst kleine Veränderungen, die Angehörigen auffallen: Termine werden vergessen, die Wohnung verändert sich auffällig oder alltägliche Erledigungen fallen zunehmend schwer.
Bei Alterspsychosen wirken Betroffene zudem ungewöhnlich stur, ziehen sich zurück oder reagieren mit Unterstellungen. Manchmal treten sogar psychotische Symptome wie Aggressionen auf. Auch Altersdepressionen kommen häufig vor. Der Verlust von Freunden oder des Partners, gesundheitliche Einschränkungen oder Zukunftsängste können die Lebenssituation stark verändern. Typische Anzeichen sind innere Antriebslosigkeit und Rückzug.
Hilfe direkt vor Ort
Der Gerontopsychiatrische Dienst der Diakonie Donau-Ries begleitet seit 30 Jahren Menschen der Generation 65+ mit seelischen Erkrankungen und deren Angehörige. Zunächst als Modellprojekt gestartet, hat sich der Dienst mittlerweile zu einer wichtigen Anlaufstelle mit breitem Angebot in Nördlingen und im nördlichen Landkreis entwickelt.
Helga Eger-Geiger und ihre Kollegin Claudia Keil besuchen Betroffene zu Hause, beraten individuell und entwickeln gemeinsam Lösungen für den Alltag. Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte Casemanagement. Dabei geht es nicht nur um medizinische Fragen, sondern vor allem darum, Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben und eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Der Gerontopsychiatrische Dienst berät jedoch nicht nur
Betroffene, sondern auch Familien. Die Mitarbeitenden beraten Angehörige, bieten Kurse an, halten Vorträge und leisten wichtige Öffentlichkeitsarbeit.
Gemeinsam statt einsam
Soziale Kontakte und Austausch sind im Alter sowohl bei Demenz als auch bei anderen seelischen Erkrankungen besonders wichtig. Der Gerontopsychiatrische Dienst bietet deshalb regelmäßige Gruppenangebote in Nördlingen an. Von Februar bis Mitte November findet jeden Mittwochvormittag ein begleiteter Spaziergang rund um die Nördlinger Stadtmauer statt. Bewegung an der frischen Luft und Gespräche in der Gruppe fördern Körper und Geist gleichermaßen.
Bei den Memory-Stunden am Donnerstagvormittag werden spielerisch das Gedächtnis trainiert und neue Kontakte geknüpft. Besonders beliebt sind auch die Singvormittage. Bekannte Lieder, Schlager und unvergessene Evergreens wecken Erinnerungen und schaffen Gemeinschaft.
Wertschätzung statt Korrektur
Beim Umgang mit Menschen mit Demenz ist Geduld gefragt. Helga Eger-Geiger und Claudia Keil raten davon ab, Betroffene ständig zu korrigieren oder mit ihnen über vermeintlich falsche Erinnerungen zu streiten. Viel wichtiger sei es, Verständnis zu zeigen und Sicherheit zu vermitteln. Während Termine oder das
Erlebte des gestrigen Tages bei Demenzkranken schnell aus dem Kurzzeitgedächtnis verschwinden, können sich Erkrankte oft gut an Ereignisse aus Kindheitstagen oder dem jungen Erwachsenenalter erinnern.
Claudia Keil schätzt die Arbeit mit Seniorinnen und Senioren. „Ältere Menschen haben einen großen Lebensschatz. Daran teilhaben zu dürfen, ist etwas Faszinierendes. Man begegnet ihnen mit Wertschätzung und bekommt diese Wertschätzung wieder zurück. Altes Wissen ist ein Schatz“. Auch für ihre Kollegin Helga Eger-Geiger ist die Motivation klar: „Ich möchte für Menschen, die sich im Alter verändern, eine Fürsprache halten“. Angesichts der steigenden Zahl älterer Menschen wird diese Aufgabe künftig immer noch wichtiger.