"Den einen Rieser Dialekt gibt es gar nicht“, sagt Florian Hager. Er kommt aus Wechingen und weiß aus eigener Erfahrung, wie unterschiedlich die Mundart von Dorf zu Dorf klingen kann. Beeinflusst wird das Rieserische mal mehr vom Schwäbischen, mal mehr vom Fränkischen. Entscheidend sind dabei die kleinen sprachlichen Feinheiten: Aussprache, einzelne Wörter, Endungen, grammatikalische Besonderheiten.
Dass sich die Mundarten von Ort zu Ort unterscheiden, hat dabei nicht nur etwas mit der Entfernung zu tun. Auch die Geschichte der Dörfer spielt eine Rolle. Florian Hager erklärt, dass konfessionelle Unterschiede sprachliche Spuren hinterlassen haben. Manche Ortschaften waren katholisch, andere evangelisch geprägt. Die Menschen standen dadurch weniger in Kontakt zueinander, wodurch sich unterschiedliche sprachliche Eigenarten entwickeln konnten. So unterscheiden sich manche Dialekte sogar innerhalb eines Dorfes.
Florian Hager kennt das aus seinem eigenen Heimatdorf Wechingen. Während man in Nördlingen den Satz „Os gond end Mess“ (Wir gehen auf die Mess’) hört, würde er selbst das anders sagen: „Mir ganga aufd Mess“. Für Außenstehende klingt beides Rieserisch, einem Einheimischen kann der Unterschied jedoch sofort auffallen.
Aus „g“ wird plötzlich „ch“
Wer die Rieser Mundart hört, bemerkt vor allem den weichen Klang der Sprache. Bestimmte Laute werden verändert, manche Vokale besonders charakteristisch ausgesprochen. In Wechingen wird beispielsweise aus „morgen“ nicht „morga“, sondern „morcha“. Auch die Aussprache des Lautes „eu“ unterscheidet sich: Während man das Wort „heuer“ in vielen Rieser Ortschaften als „haier“ ausspricht, heißt es dort „huier“. Aber: Dialekt ist kein beliebiges Verdrehen von Wörtern. „Man kann nicht einfach reden, wie man will“, sagt Florian Hager. Gerade das fasziniert ihn. Hinter der Mundart stecken klare Regeln bei der Aussprache, beim Satzbau und bei der Grammatik. Wer sie beherrscht, spricht nicht einfach „Rieserisch“, sondern folgt einem sprachlichen System. Viele diese Besonderheiten hat Hartmut Steger im „Wörterbuch der Rieser Mundarten“ festgehalten.
„Im Hochdeutschen ist schon alles gesagt“
Florian Hager nutzt den Dialekt als Ausdrucksmittel. Er macht mit seiner Band Okomod Musik in Rieser Mundart und bringt auf seinem Instagram-Account „Rieser Meme Kultur“ die Menschen zum Lachen. „Im Hochdeutschen ist schon alles gesagt“, sagt er. Mit dem Dialekt ist er aufgewachsen und empfindet ihn als authentischer. Emotionen und Humor kann er auf Rieserisch besser ausdrücken. Einen Liebessong auf Hochdeutsch zu schreiben, könne er sich kaum vorstellen. Im Dialekt fühle es sich echter an, und das, obwohl es ausgerechnet für „Liebe“ nicht einmal ein eigenes Rieser Wort gibt. „Das muss man eben umschreiben“, so Florian Hager.
Dialekt ist Kulturgut
Doch was Florian Hager auch beobachtet: Das Rieserisch ist im Wandel. Immer mehr Kinder und Jugendliche wachsen mit Hochdeutsch auf. Manche Begriffe sind kaum noch zu hören, Dialektgrenzen verschwimmen, Sprachvorbilder fehlen, sprachliche Besonderheiten verschwinden.
Trotzdem sagt Hager: „Die Menschen gieren nach Dialekt.“ Denn Dialekt erreicht das, was das Hochdeutsche nicht schafft: Heimatgefühl und Zugehörigkeit. „Dialekt ist Kultur und erhaltenswerte Vielfalt“, so Hager. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum es sich lohnt, genauer hinzuhören, wie im Ries gesprochen wird.
Rieserisch – Deutsch
Zeitangaben:
abbl ........................................ immer
dada ...................................... ungewöhnlich früh
Aftermede ............................ Dienstag
Miggde .................................. Mittwoch
Im Alltag:
ebba ....................................... etwa, vielleicht
ebbr ........................................ jemand, irgendjemand
Gehuddl ................................. unnötige Eile
getsla ..................................... verschütten, plantschen
Häggr ..................................... Schluckauf
Heedsche ............................. Handschuh
Kobbr .................................... Rülpser
Muggabadscher ...................Fliegenklatsche
Schiß ..................................... Furz
Ratschkaddl ..........................schwatzhafte, weibliche Person
Essen und Trinken:
Rengale/Schäarz ...................Anschnitt beim Brot
Earbra ..................................... Kartoffeln
Oier ......................................... Eier
Rawenzl .................................. Feldsalat
Zwiffl ....................................... Zwiebel
Guze ........................................ Bonbon
Hafa ........................................ Kochtopf
Reng/Heffakraz/Nudl ........... Hefezopf
„I hab an Duschd“ .................. „Ich habe Durst“
Rieser Ortsnamen (Auswahl):
Alre ........................................ Alerheim
Ädre ....................................... Ederheim
Äade ....................................... Oettingen
Balde ...................................... Baldingen
Balge ...................................... Balgheim
Belze ...................................... Belzheim
Deine ..................................... Deiningen
Degge .................................... Mönchsdeggingen
Fessne ................................... Fessenheim
Fremde .................................. Fremdingen
Heddlldenga .......................... Heroldingen
Holde ..................................... Hochaltingen
Kloiärle .................................. Kleinerdlingen
Liere ....................................... Lierheim
Mäade .................................... Möttingen
Moing .................................... Mahingen
Monne ................................... Munningen
Monze ................................... Munzingen
Närle ...................................... Nördlingen
Nidde ..................................... Nittingen
Roe ........................................ Ronheim
Schwesche ............................ Schwörsheim
Weche .................................... Wechingen
Oaschde ................................. Wörnitzostheim