Gastbeitrag von Gregor v. Kursell
Auf dem Bild telefoniert der Weihnachtsmann mit einem Kind. Kein besonders ungewöhnlicher Vorgang. Höchstens das altmodische Telefon auf dem Bild irritiert. In der Zeit um 1900 war das Telefon eine hochmoderne Neuerung und die Idee den Gabenbringer mit Kindern fernmündlich kommunizieren zu lassen,m ein origineller Einfall. Auch der Weihnachtsmann in einem Luftschiff ruft bei uns Heutigen eher ein nachsichtiges Lächeln hervor. Wenn wir hundert Jahre zurückblicken, dann war auch das eine Sensation. Solche Verbindungen von weihnachtlicher Tradition und innovativer Technik tauchen durch die Jahrzehnte hinweg immer wieder auf: Der Weihnachtsmann bekommt Wunschzettel gefaxt (schnell veraltet), der Weihnachtsmann fliegt mit Navi, der Weihnachtsmann liefert die Geschenke mit Drohnen aus. Jede Zeit hat ihre Vorstellungen davon, welche Errungenschaft gerade besonders angesagt ist. Der scheinbar uralte, unveränderliche Feiertag wird mit der Gegenwart konfrontiert, das erzeugt Neugierde oder Komik.
Die ersten kommerziellen Weihnachtskarten wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in London gedruckt. Als die Sitte, einander postalische Grüße zu senden, sich immer mehr ausbreitete, mussten sich die Künstler ständig neue Motive ausdenken. Die Idee, das Weihnachtsfest mit den neuesten Erfindungen zu verbinden, war vor allem vom Wunsch nach Abwechslung getrieben.
Technik ist aber nicht nur eines von vielen spielerischen Sujets (Motiven) für Weihnachtskarten. Forschung und Technik haben das Weihnachtsfest auch direkt verändert. Der Buchdruck, die maschinelle Produktion, die Eisenbahn – alles das trug dazu bei, dass Weihnachten zu dem Fest wurde, das wir heute kennen. Ohne Fabriken und Maschinen wäre es nicht möglich gewesen, Spielzeug in großen Mengen günstig herzustellen und damit immer mehr Kinder zu beschenken. Ohne die Eisenbahn hätte man die Waren nicht in jede Kleinstadt liefern können. Ohne Kinematographie gäbe es keine Weihnachtsfilme und ohne Rübenzucker keine erschwinglichen Süßigkeiten.
Der Zeitgeist prägt auch das Weihnachtsfest
Die Innovationen unserer Zeit sind digital. Auch sie haben das Potenzial, die Optik der Weihnachtszeit ebenso zu prägen wie das Fest selbst. Digitale Weihnachtsgrüße haben die Postkarte an Beliebtheit längst überholt. Geschenke im Internet zu kaufen, ist bequem. Immer mehr Menschen streamen Weihnachtsmusik. Auf einschlägigen Webseiten wird erklärt, wie wir mithilfe künstlicher Intelligenz die perfekten Feiertage organisieren. KI-Programme bieten Hilfe beim Schreiben von Weihnachtskarten. KI-generierte Bilder zeigen steril eingerichtete, mit Weihnachtsdeko überladene Häuser. Influencer inszenieren in Videos ein trendiges Fest ohne Stress und Streit. Das kann den Betrachter unter Druck setzen – oje, so schick sieht es bei mir nicht aus.
Aber, wie bei allen Weihnachtsbräuchen, gibt es auch hier keinen Zwang, das alles mitzumachen. Wer will, kann weiterhin Karten schreiben, kann Weihnachtsschmuck basteln, der nicht ganz so perfekt aussieht, kann selbst singen und anders feiern, als irgendwelche Influencer es empfehlen. Letztlich ist es nicht die Technik, die entscheidet, wie wir Weihnachten gestalten, sondern wir selbst.