Die Geschichte der Menschheit ist eine Ansammlung von Ereignissen, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart ausstrahlen können. Am 19. Oktober 1781 etwa kapitulierten britische Truppen in Yorktown vor General Georg Washington und legten so den Grundstein für den Aufstieg der heutigen USA zur Weltmacht.
Auch in den Bereichen Kultur und Wissenschaft sind für das Jahr 1781 wichtige Wegpunkte der Menschheitsgeschichte aufgeführt. Die Oper ‚Idomeno‘ von Wolfgang Amadeus Mozart feierte am 29. Januar am Münchner Residenztheater seine Uraufführung. Rund sechs Wochen später, am 13. März, entdeckte der deutsch-britische Astronom Wilhelm Herschel den Planeten Uranus.
245 Jahre Handwerkstradition in Grosselfingen
Aus demselben Jahr stammt auch die erste Rechnung der Schreinerei Schnell aus Grosselfingen. Zugegeben, die Rechnung hat weniger globale Bedeutung. Seit 245 Jahren unter demselben Namen in Grosselfingen tätig und durchgehend in Familienbesitz, ist die Schreinerei Schnell damit aber Teil der Regionalgeschichte im Nördlinger Ries.
„Es gibt schon Betriebe, die so alt sind. Aber da hat dann oft der Name gewechselt“, ordnet Inhaber Günter Schnell die Tradition des Unternehmens ein, das von seinem Urahn Johann-Mathias Schnell gegründet wurde. Der Familienname selbst wird bereits im Kirchenbuch von 1753 erwähnt. Die Ursprünge der Schreinerei können jedoch erst mit der Rechnung von 1781 belegt werden.
Ein Rechtsstreit als erster Beleg für die Schreinerei Schnell
Dabei wurde aus heutiger Sicht ausgerechnet eine Rechtsstreitigkeit zum Glücksfall. Johann-Mathias Schnell, der neben der Schreinerei auch als Dorflehrer und Landwirt tätig war, fertigte für die Kirche in Grosselfingen neue Kirchenbänke an. Der Pfarrer verweigerte jedoch die Bezahlung, da Johann-Mathias Schnell als Schreiner, Dorfpfarrer und Landwirt schon genug verdienen würde und die Pfarrei arm sei.
Schnell wandte sich an den Fürsten von Wallerstein, der damals die Gerichtsbarkeit über Grosselfingen innehatte. Der entschied, dass die Kirche für die geleistete Arbeit bezahlen muss. Die Originalrechnung selbst wird im fürstlichen Archiv bis heute aufbewahrt. „Das wollte sich mein Urahn nicht gefallen lassen“, erzählt Günter Schnell lächelnd von den Umständen, wie die Rechnung erhalten blieb.
Kundenbeziehungen über mehrere Generationen
Die Schreinerei hatte Günter Schnell am 1. Januar 2017 von seinem Vater Günter Schnell sr. übernommen. Dieser war 1977 auf den Chefsessel gerückt und hatte damals zusätzlich die Zimmerei eröffnet – die heutige Schreinerei-Zimmerei Schnell. Die Tradition seines Urahns, in drei Berufen tätig zu sein, hat er nicht fortgeführt. „In der Schreinerei findet sich schon genug Arbeit“, so Schnell jr. Zudem hat sich auch das Tätigkeitsfeld des Schreiners im Laufe der Zeit verändert. Waren früher auch Särge ein Geschäftsfeld, hat die heutige Schreinerei Schnell mit Bestattungen nichts mehr zu tun.
Dafür stehen viele Reparaturen und Altbausanierungen auf der Liste. Vor allem in Nördlingen und Umgebung fällt der Name Schnell regelmäßig, wenn es um Holzarbeiten geht. „Wir haben teilweise Kunden in Nördlingen, die schon in der dritten oder vierten Generation zu uns kommen. Da hat mein Opa schon beim Opa des Kunden gearbeitet und mein Vater bei dessen Vater. Und jetzt übernehme ich die Aufträge“, so Schnell. „Diese Beziehungen will man aufrechterhalten.“
Aber auch über die Region hinaus ist Günter Schnell mit seinem Handwerk tätig. 1992 hatte er unter anderem bei der HypoVereinsbank in der Berliner Friedrichstraße die komplette Fensteranlage aus historischen Kastenfenstern stilgetreu erneuert. Noch heute kommt er regelmäßig dort vorbei, wenn er in seiner Funktion als Vertreter für Technik und Umwelt des Zimmererverbands Bayern nach Berlin reist.
Familientradition ohne Zwang
Wie es mit dem Betrieb und dessen sieben Angestellten in Zukunft weitergeht, ist noch offen. Die Kinder sind noch zu jung für derartige Überlegungen. „Es wäre für mich ein ganz harter Gang“, gibt Günter Schnell zu, sollte die Familientradition nach ihm enden. Zwingen wolle er aber niemanden. „Wenn es nicht weitergeht, muss man das Beste draus machen.“
Und vielleicht folgen die Kinder auch anderen Spuren ihrer Vorfahren. Unter Umständen gibt es dann wieder einen Lehrer Schnell – so wie vor 245 Jahren, als Johann-Mathias Schnell neben dem Schreinerhandwerk eben auch Dorflehrer war. (dra)