Als bei der Donauwörther Sportgala der Name Sebastian Mayr fällt, ist das kein Moment der Überraschung, sondern nur folgerichtig. Die Halle ist voll, die Spannung greifbar und am Ende steht ein Athlet auf der Bühne, der Wochen zuvor in kalifornischen Borrego Springs etwas geschafft hat, das sich in Zahlen zwar ausdrücken lässt, in seiner Dimension aber kaum zu fassen ist: 865 Kilometer, mehr als 3 100 Höhenmeter in 24 Stunden. Ultracycling-Weltmeister.
In der Laudatio von Donauwörths Oberbürgermeister Jürgen Sorre heißt es entsprechend: Sport zeige immer wieder, wozu Körper und Wille fähig sind – und dass es Disziplinen gibt, in denen nicht Minuten oder Stunden zählen, sondern ganze Tage. Genau dort, in dieser extremen Form des Ausdauerleistungssports, hat sich Mayr an die Weltspitze gefahren. Nicht über ein einzelnes Highlight, sondern über die Fähigkeit, konsequent weiterzumachen, wenn andere längst an Grenzen stoßen.
Rennen auf Augenhöhe wird zur Geduldsprobe
In Borrego Springs entwickelte sich das 24-Stunden-Rennen früh zu einem Duell auf Augenhöhe. Über viele Stunden hinweg wechseln sich Mayr, der für die Airbus SG Donauwörth an den Start geht, und sein stärkster Konkurrent an der Spitze ab. Immer geprägt von einem respektvollen, aber intensiven Wettkampf. Die Bedingungen verschärfen sich im Verlauf deutlich: Während die Nacht noch vergleichsweise stabil verläuft, steigt die Belastung mit der zunehmenden Tageshitze auf über 35 Grad spürbar an.
In dieser Phase zeigt sich die entscheidende Qualität des Rennens weniger in einzelnen Angriffen als in der Konstanz. Als der Konkurrent zwischenzeitlich Vorteile herausfährt, reagiert Mayr nicht mit Risiko, sondern mit kontrollierter Stabilität und dem Fokus, das eigene Tempo zu halten. Die Entscheidung fällt schließlich über die Summe dieser konsequent gefahrenen Stunden: Auf den Schlussabschnitten gelingt es ihm, das angeschlagene Niveau zu halten und damit einen knappen, aber kontrollierten Vorsprung ins Ziel zu bringen – mit etwas mehr als drei Minuten Vorsprung nach 24 Stunden Renndauer.
Im Ziel steht entsprechend kein überhöhter Moment, sondern ein sachlicher Abschluss eines außergewöhnlich langen Rennens. Der kurze Satz „Wir haben gewonnen“ und die anschließende Begegnung mit dem Konkurrenten – geprägt von Respekt statt Enttäuschung – fassen zusammen, was dieses Duell auszeichnet: sportliche Härte bei zugleich.
Leistungen auf höchstem Level
Dass dieser Weltmeistertitel kein Zufallsprodukt ist, wird schnell klar. Hinter der Leistung stehen Jahre konsequenten Trainings, unzählige Kilometer und auch Rückschläge. Schon 2024 zeigte Mayr beim „Race Around Niederösterreich“ seine Klasse, als er sich in einem direkten Duell durchsetzt und souverän gewinnt. Immer wieder bewegt er sich auf internationalem Niveau, oft unspektakulär, aber konstant auf höchstem Leistungslevel.
Dabei ist Mayr kein klassischer Profi. Er arbeitet in der IT, ist Familienvater und sitzt dennoch regelmäßig in den frühen Morgenstunden auf dem Rad. „Ich weiß jetzt, dass mein Körper das kann“, erklärt er. Ein Satz, der beeindruckend zeigt, wie groß das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit ist.
Konstanz statt großer Worte
In der Zwischenzeit konnte Mayr jetzt direkt den nächsten sportlichen Erfolg feiern. So fand am 22. Mai die Europameisterschaft statt. Auch hier wusste der UltraCycling-Weltmeister vollends zu überzeugen und krönte sich nach 30 Stunden und 42 Minuten zum neuen Europameister. Besonders beeindruckend: Mayr konnte den alten Streckenrekord um mehr als eine Stunde verbessern – zwischenzeitlich löste ein fest installierter Blitzer bei Zwickau mit 65 km/h aus. Als nächstes großes Ziel gilt jetzt das Race Across America, das härteste Radrennen der Welt. Die sportliche Vision ist klar, die Herausforderung ebenso – nicht zuletzt auch organisatorisch und finanziell.
So entsteht das Bild eines Athleten, der nicht von großen Worten lebt, sondern von seiner beeindruckenden Konstanz. Einer, der Sport nicht in Momenten denkt, sondern in Stunden, Tagen, manchmal in Grenzen, die sich erst im Tun verschieben.
Sebastian Mayr ist kein Sportler der lauten Gesten. Er ist einer, der weiterfährt, wenn andere längst stehen bleiben würden. (dra)