Aktuelle Zahlen zeigen: Insgesamt steht die Versorgung weiterhin auf einem stabilen Fundament. Gleichzeitig offenbart sich jedoch ein differenziertes Bild, denn regional bestehen deutliche Unterschiede, die durch den demografischen Wandel zunehmend an Brisanz gewinnen.
Wie die hausärztliche Versorgung gesteuert wird
Ob und wo sich Hausärztinnen und Hausärzte niederlassen können, wird durch die sogenannte Bedarfsplanung geregelt. Für die Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung ist die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) verantwortlich. Sie ermittelt anhand von Bevölkerungszahlen, wie viele Vertragsärzte in einer Region tätig sein sollen. Als Richtwert gilt dabei ein Versorgungsgrad von 100 Prozent – er signalisiert eine bedarfsgerechte medizinische Betreuung der Bevölkerung.
Der Landkreis Donau-Ries ist in vier hausärztliche Planungsbereiche unterteilt: Donauwörth Nord, Donauwörth Süd, Nördlingen und Oettingen. Die zuletzt öffentlich zugänglichen Zahlen zeichnen ein vielschichtiges Bild. Während Donauwörth Süd und Nördlingen statistisch als überversorgt gelten, bestehen in den übrigen Bereichen weiterhin Möglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte, sich niederzulassen.
Ein Blick auf die Tabelle zeigt, wie dynamisch sich die Versorgungslage entwickeln kann. Aktuelle Beschlüsse des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen in Bayern vom Februar 2026 verdeutlichen eine veränderte Situation im Vergleich zu den Zahlen aus dem Vorjahr: Im hausärztlichen Planungsbereich Oettingen wurde inzwischen offiziell eine drohende Unterversorgung festgestellt. Gleichzeitig konnte die zuvor bestehende drohende Unterversorgung im Planungsbereich Donauwörth Nord erfolgreich abgewendet werden.
Zu dieser Entwicklung beigetragen hat vermutlich auch der Umzug der Hausarztpraxis des Mediziner-Ehepaars Nordmo von Nördlingen nach Kaisheim zum Beginn des Jahres. „Als Hausarzt baut man ein Vertrauensverhältnis auf. Wenn man zufrieden mit seinem Hausarzt ist, dann möchte man ihn natürlich behalten“, erklärt Dr. Carmen
Nordmo und beschreibt damit, warum viele ihrer bisherigen Patienten aus dem Ries nun ebenfalls den Weg nach Kaisheim auf sich nehmen. Gleichzeitig wächst der Patientenstamm für das Mediziner- Ehepaar immer weiter: „Viele unserer langjährigen Patienten legen oft weite Strecken zurück, um zu uns zu kommen. Auch wenn sich
unser Wartezimmer mittlerweile gut gefüllt, nehmen wir immer noch Patienten auf und freuen uns über jeden, der sich für uns entscheidet“, ergänzt Nordmo.
Dabei profitieren die Nordmos auch vom großen Einzugsgebiet. Rund um Kaisheim gibt es seit längerer Zeit zahlreiche Gemeinden ohne eigene Hausarztpraxis, etwa Daiting oder Fünfstetten. Umso bedeutender ist es für die medizinische Versorgung, dass sich in Kaisheim mittlerweile zwei Hausarztpraxen etabliert haben. Von Konkurrenzdenken ist vor Ort allerdings nichts zu spüren - ganz im Gegenteil. “Wir können gar nicht für alle potentiellen Patienten da sein und sind froh über eine kollegiale Zusammenarbeit mit anderen Praxen”, stellt Carmen Nordmo klar.
Suche nach Praxisnachfolge wird immer schwieriger
Die dargestellten Herausforderungen spiegeln gleichzeitig eine bundesweite Entwicklung wider. Der steigende Behandlungsbedarf einer älter werdenden Bevölkerung trifft auf eine Ärzteschaft, von der viele in den kommenden Jahren in den Ruhestand treten werden. Besonders im ländlichen Raum gestaltet sich die Suche nach geeigneten Praxisnachfolgern häufig schwierig.
Parallel dazu wandelt sich auch das Berufsbild. Viele junge Medizinerinnen und Mediziner bevorzugen heute Anstellungen oder Kooperationen innerhalb größerer Praxisstrukturen. Klassische Einzelpraxen verlieren hingegen zunehmend an Attraktivität. Diese Entwicklung macht deutlich, wie wichtig langfristige Strategien zur Sicherung der medizinischen Versorgung sind. Ein Blick in den Landkreis bestätigt diese Einschätzung: Laut KVB liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte in Nördlingen und Umgebung bei 54,2 Jahren, 14 von ihnen sind bereits älter als 60. In Donauwörth Nord liegt der Altersschnitt sogar bei 54,6 Jahren, in Donauwörth Süd bei 53,3 Jahren. Ein ähnliches Bild ist auch in Oettingen zu verzeichnen. Damit liegt man im Donau-Ries zwar immer noch unter dem Bayernweiten Schnitt und trotzdem stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie kann es gelingen, junge Medizinerinnen und Mediziner für die Region zu begeistern?
Landkreis engagiert sich mit eigenen Massnahmen
Obwohl die Verantwortung für die Sicherstellung der ambulanten Versorgung bei der KVB liegt, bringt sich auch der Landkreis aktiv mit zusätzlichen Initiativen ein. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Gesundheitsregionplus Donau-Ries. Sie unterstützt niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte, berät Kommunen und sorgt für eine bessere Vernetzung regionaler Akteure wie Arztpraxen, Kliniken und Berufsverbände.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Kooperation des gemeinsamen Kommunalunternehmens Donau-Ries mit der Universität Augsburg. Ziel ist es, Medizinstudierende frühzeitig für die Region zu gewinnen und langfristig zu binden. Die Donau-Ries Klinik Donauwörth sowie das Stiftungskrankenhaus Nördlingen fungieren dabei als Lehrkrankenhäuser der Universität. Mehrere Studierende haben dort bereits ihr Praktisches Jahr absolviert. Zwei ehemalige Studentinnen arbeiten inzwischen als Assistenzärztinnen im Landkreis und befinden sich in ihrer Facharztausbildung. Da diese Ausbildung mehrere Jahre dauert und die medizinische Fakultät der Universität Augsburg noch vergleichsweise jung ist, gehen Fachleute davon aus, dass sich die Erfolge dieser Kooperation vor allem mittel- bis langfristig bemerkbar machen werden.
Der trend is not your friend
Ähnlich argumentiert Stefan Berger, Pressereferent KVB. Er erklärt: “Eine Prognose für die Zukunft im Landkreis Donau-Ries abzugeben, ist sehr schwierig.” Allerdings gäbe es eine aktuelle Projektion in einer Studie des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung für ganz Deutschland. Das Fazit: Nach aktuellen Berechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) fehlen in Deutschland jährlich durchschnittlich fast 2.500 ärztliche Nachbesetzungen, um die derzeitige medizinische Versorgungsleistung bis 2040 aufrechtzuerhalten. Von 2022 bis 2040 würden damit kumuliert rund 50.000 Ärztinnen und Ärzte fehlen, um die derzeit 73 Millionen gesetzlich Versicherten auf dem gewohnt hohen medizinischen Niveau versorgen zu können. “Dies aber auf einzelne Planungsbereiche runterzubrechen, wäre unseriös”, macht Berger klar, weist aber zeitgleich auf zwei ganz entscheidende Trends hin, wenn es um die Herausforderungen in der ambulanten Versorgung geht - der Trend zur Anstellung und zur Teilzeit.
“Die Ärztinnen und Ärzte, die 50 bis 60 Stunden pro Wochen arbeiten, werden zunehmend weniger oder gehen in Rente. Ärztinnen und Ärzte legen, wie andere Berufsgruppen auch, zunehmend Wert auf eine ausgewogene Mischung zwischen Arbeit und Freizeit und achten beispielsweise darauf, dass die Zeit mit der Familie nicht zu kurz kommt. Für das Arbeitsvolumen, das früher ein Arzt geleistet hat, braucht es künftig gegebenenfalls zwei Ärzte in Teilzeit.
Ein zweiter Trend ist der zur Anstellung. Diese Option wird zunehmend wichtiger, weil junge Ärztinnen und Ärzte aus Respekt vor den Herausforderungen einer Niederlassung zunächst diesen Zwischenschritt wählen. Bereits seit über einem Jahrzehnt hat die KVB die Politik auf Landes- und Bundesebene auf den Nachwuchsmangel hingewiesen. Eine weitere Erhöhung der Studienplätze für Humanmedizin in Bayern ist unbedingt notwendig, wenn man auch weiterhin eine hochwertige medizinische Versorgung im Freistaat gewährleisten möchte.
Bei einer tendenziell älter und multi-morbider werdenden Bevölkerung und immer mehr ambulanten medizinischen Behandlungsansätzen brauchen wir mehr Nachwuchs gerade in den ländlichen Regionen, um die Versorgung auf dem bestehenden hohen Niveau zu erhalten”, so Berger.