4. Dezember 2017, 10:04

Musik öffnet Herzen Teil 1 - Wie Musik entsteht und was sie bewirkt

Bild: DRA
Gerade jetzt, in der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit, ist Musik präsenter denn je. Wir setzen sie ein, um Stimmung zu erzeugen, egal ob zu Hause, auf dem Weihnachtsmarkt oder im Kaufhaus. Mal verfolgt sie den Zweck uns zu entspannen, mal um Vorfreude zu wecken, mal um uns in Kauflaune zu versetzen. Warum kann Musik das leisten? Wie reagieren wir Menschen auf Musik? Was passiert in unserem Gehirn? Warum finden wir es schön, gemeinsam zu singen und zu musizieren?
Wie Musik entsteht und was sie bewirkt
Musik ist so alt wie die Menschheit selbst, vermutlich sogar älter. Vielleicht war der Urknall der erste Ton im Universum? Auf jeden Fall verständigten sich bereits die Vorfahren der Menschen mit Lauten und gewisse Melodien hatten bestimmte Bedeutungen, ähnlich, wie wir es heute vor allem bei Vögeln beobachten können. Töne, Laute und Melodien gab es also schon, bevor der Mensch seine Sprache entwickelte. So ist es noch heute bei Säuglingen, denn bevor sie anfangen zu sprechen, hören sie zunächst Geräusche, lernen, diese einzuordnen und beginnen dann selbst, Laute von sich zu geben. Der Gehörsinn ist eine der ersten Sinneswahrnehmungen des Menschen.
Bereits ein Embryo hört den Herzschlag der Mutter. Dieser erklingt in einem bestimmten Rhythmus, auch dies registriert der Embryo. Noch bevor ein Kind zur Welt kommt, kennt es bereits die Stimmen der Menschen in seiner nächsten Umgebung und vermutlich sogar die Lieblingsmusik der Mutter, wenn diese Musik hört. Auf Babys wirken bekannte Melodien oftmals beruhigend, daher singen wir ihnen ein Schlaflied oder verwenden eine Spieluhr.
In der Musiktherapie wird Musik zum Beispiel zur Entspannung oder zur Unterstützung von psychotherapeutischen Maßnahmen eingesetzt. Hierbei kann sie aktiv (Patienten machen Musik) oder passiv (Patienten hören Musik) zur Anwendung kommen. Über die Musik kommt man beispielsweise an Blockaden heran, die in der vorsprachlichen Zeit eines Patienten begründet liegen und daher nicht mit Worten benannt werden können. Bei Alzheimer Patienten können Kinderlieder Erinnerungen wecken, die im Langzeitgedächtnis gespeichert und abrufbar sind, auch wenn das Kurzzeitgedächtnis versagt. Die Musiktherapie nutzt emotionale Verknüpfungen im Gehirn. Wir kennen dieses Phänomen aus dem Alltag, wenn plötzlich Erinnerungen an das Kennenlernen des Partners wachgerufen werden, wenn „unser Lied" im Radio läuft.
Als frühestes bekanntes Instrument, das spezifisch zum Musizieren gefertigt worden ist, gilt die Knochenflöte. Die ältesten gefundenen Knochenflöten sind rund 35 000 Jahre alt und wurden auf der Schwäbischen Alb gefunden. Auch die Trommel, die Leier und die Harfe gehören wohl zu den ältesten bekannten Instrumenten. Bei schamanischen Riten urzeitlicher Kulturen waren Trommeln, Gesang und Tanz Teil kultischer Zeremonien. Dies kennen wir bis heute: Trommelkurse und Trommelgruppen sind schon seit einigen Jahren wieder im Trend und zeigen, wie tief verwurzelt diese Riten im Menschen sind.
Auch wenn der Mensch gesellschaftlich heute sehr eigenständig lebt und das Single Dasein einenhohen Prozentsatz ausmacht, sucht er dennoch die „Gemeinschaft rund ums Feuer". Heute eben in Form von Trommelgruppen, offenen Singgruppen oder auch ganz klassisch im Musikverein oder im Chor. Vom Kult fand die Musik Einzug in die Religion und auch in den Alltag. Es entstanden Kirchenmusik und weltliche Musik. Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte die Hausmusik ihre Blütezeit, aus ihr entstand die Unterhaltungsmusik.
Die Frage, was eigentlich Musik ist und was nicht, ist ewig diskutiert und es gibt bis heute keine Antwort darauf. Dies liegt daran, dass das Erfahren
von Musik, das Hörerlebnis und die ausgelösten Empfindungen, bei jedem Menschen anders und somit extrem individuell sind. Die Frage nach
einer Musikdefinition trieb bereits die alten Griechen um. In der Antike versuchte man sich daran, Musik als Wissenschaft – rein über die Ratio – zu definieren. Gleichzeitig galt sie als gefühlsbetonte Kunst. Auf der einen Seite die reine Musiktheorie, auf der anderen Seite die Praxis. Bis heute beschäftigen sich vor allem Neurologen mit der Frage, wie das menschliche Gehirn Musik wahrnimmt und verarbeitet. Fest steht, dass es auch hier keine absolute Antwort gibt. Es gibt nicht das eine Musikrezeptionszentrum im Gehirn. Jeder Mensch verarbeitet Gehörtes auf andere Weise und unter Einbezug unterschiedlicher Regionen des Gehirns. Interessant ist: So individuell wie einerseits jeder einzelne Mensch auf Musik reagiert, so verbindend wirkt Musik andererseits. Ein Lied, eine Melodie, ein Takt wird universell verstanden. Egal aus welchem Herkunftsland, egal aus welcher sozialen Schicht, egal ob jung oder alt, gesund oder krank – Menschen können immer gemeinsam singen, musizieren oder Musik hören und erleben. Das ist ein tröstlicher Gedanke in der heutigen Zeit und gerade jetzt, zur Weihnachtszeit. Ich zitiere die Worte des französischen Schriftstellers Victor Hugo: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist."