Inklusion

Über den Wolken von Nördlingen: Wenn ein Lebenswunsch Barrieren bricht

Regina Schiele, Matthias Küffner (M.) und Markus Bosch in der Gondel über Nördlingen. Bild: Regina Schiele
Gesellschaftliche Teilhabe ist ein wichtiges Thema in der heutigen Zeit. Das gilt vor allem für beeinträchtigte Menschen. Was mit Engagement jedoch alles möglich ist, hat sich auf der Nördlinger Mess' gezeigt.

Ein Volksfestbesuch im Alter von 13 Jahren hinterließ bei Matthias Küffner eine tiefe Wunde. Während andere Kinder unbeschwert von Karussell zu Karussell liefen, stand die Welt für den Jungen im Rollstuhl still. Matthias leidet an Spinaler Muskelatrophie (SMA) und der Schmerz, ausgeschlossen zu sein, prägte ihn nachhaltig. Sein Physiotherapeut erfüllte ihm zwar schon damals einen kleinen Traum, indem er ihn unter großer Anstrengung in eine Gondel hob, doch mit dem Fortschreiten der Krankheit schien dieses Glück im Laufe der Jahrzehnte für immer unerreichbar zu werden.

Ein Kämpfer mit unerschütterlichem Lebensmut

Matthias Küffner und Regina Schiele auf dem Weg ins Riesenrad. Bild: Regina Schiele

Heute ist Matthias 53 Jahre alt. Seine Erkrankung hat ihm fast die gesamte körperliche Freiheit genommen, seine Muskeln sind völlig bewegungsunfähig. Doch wer Matthias erlebt, sieht keinen "Kranken", sondern einen Mutmacher der auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig ist und als Programmierer arbeitet. Seine Lebensfreude wird insbesondere von seiner Assistentin Regina gestärkt. Sie ist mehr als eine Begleiterin, sie gibt ihm immer wieder Mut und zeigt ihm das wie lebenswert so ein Leben doch ist, egal mit welchen Herausforderungen. Das Mindset ist der Schlüssel.

Als Matthias ihr wehmütig von seinem Kindheitstraum erzählte, noch einmal Riesenrad zu fahren, zögerte sie nicht. „Wir werden es möglich machen!“, versprach sie. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Markus Bosch, einem langjährigen Freund von Matthias, plante sie die logistische Herausforderung akribisch. Ihr Ziel war die Neukonstruktion des Riesenrads der Schaustellerfamilie Kipp auf der Nördlinger Mess'. Für die Herausforderung, falls der E-Rolli mit 250 kg nicht in die enge Gondel geht, lagen Plan B und Plan C bereit.

Gelebte Inklusion und Tränen des Glücks

Die Familie Kipp hat mit dieser Neukonstruktion ein Zeichen für gelebte Inklusion gesetzt. Dank durchdachter Rampen blieb dem Team eine gefährliche Hebeaktion erspart. Es war dennoch Millimeterarbeit: Regina Schiele und Markus Bosch koordinierten jeden Handgriff, stützten Matthias’ schlaffe Muskulatur und sicherten ihn professionell ab. So gelang es, dass er mitsamt seinem schweren E-Rollstuhl unkompliziert in die Gondel einfahren konnte. Als sich das Rad sanft nach oben bewegte, lag das funkelnde Ries vor ihnen. Hoch über den Dächern war Matthias den Tränen nahe, doch dieses Mal waren es Tränen des puren Glücks.

Er weinte über etwas, das für gesunde Menschen alltäglich ist, für ihn aber die Welt bedeutete: einfach dabei und frei zu sein. Diese Fahrt zeigt, wie kraftvoll Inklusion ist. Durch das Engagement der Schaustellerfamilie Kipp wird Menschen mit Behinderung echte gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Und dank des Einsatzes von Regina Schiele und Markus Bosch wurde bewiesen: Wenn Verbundenheit und Wille stark genug sind, spielen körperliche Grenzen keine Rolle mehr. (dra)