Guten Morgen Theresa, vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Gespräch genommen hast – ich kann mir vorstellen, dass du gerade recht viel um die Ohren hast. Beginnen wir unser Interview doch mit ein paar kurzen Fragen zum Einstieg. Was hat dich in den vergangenen Tagen besonders beschäftigt
und was steht heute noch nach dem Interview an? (Das Interview wurde am 03.06. geführt.)
Theresa Ulbricht: Ich habe heute Morgen schon die nächste Woche geplant, weil ich ab Freitag auf einer Konferenz bin und danach direkt weiter nach Berlin fahre. Außerdem hatten wir unser tägliches Morning Briefing in der Agentur. Da
schauen wir immer gemeinsam: Was steht an? Wo braucht jemand Unterstützung? Was muss weitergegeben werden? Nach unserem Gespräch geht es für mich direkt nach München. Dort treffe ich jemanden aus einem Familienunternehmen, das sich gerade in einem größeren Transformationsprozess befindet. Solche Themen begleiten mich aktuell sehr häufig. Und ganz ehrlich: Was mich gerade beschäftigt, ist wahrscheinlich das, was viele kennen. Die Ferien stehen vor der Tür, gleichzeitig liegen noch genügend Projekte auf dem Schreibtisch. Nach einem langen Wochenende wieder in den Rhythmus zu kommen, ist manchmal die größere Herausforderung als die Arbeit selbst.
Um dich besser kennenzulernen zunächst einige Entweder-Oder-Fragen:
Publikum oder Einzelgespräch?
T. U.: Privat Einzelgespräch, beruflich Publikum.
Kultur schaffen oder Kultur erklären?
T. U.: Kultur erklären.
Gründen oder übernehmen?
T. U.: Gründen.
Wochenende voller Termine oder voller Ruhe?
T. U.: Ruhe.
Kulturpolitik oder Wirtschaftspolitik?
T. U.: Wirtschaftspolitik.
Vervollständige bitte folgenden Satz über dich selbst:
Typisch für Theresa Ulbricht ist ...
T. U.: Du machst es mir heute wirklich nicht einfach, das merke ich schon nach den ersten Fragen (lacht). Typisch für Theresa Ulbricht ist vermutlich, gute Laune in viele Räume zu bringen.
Was würden Freunde, Familie, vielleicht aber auch Menschen sagen, die dir kritischer gegenüberstehen, wenn man ihnen die gleiche Frage stellen würde?
T. U.: Wahrscheinlich: „Die muss überall dabei sein.“ Diese Aussage begleitet mich tatsächlich schon sehr lange.
Als neue Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren Donau-Ries bist du aktuell viel in der Region unterwegs. Was reizt dich an dieser Aufgabe?
T. U.: Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der gerne seinen Teil beiträgt. Und was ich bei den Wirtschaftsjunioren von Anfang an spannend fand, ist diese Mischung aus Gründergeist, Unternehmertum und Menschen in einer ähnlichen Lebensphase. Wir beschäftigen uns oft mit denselben Fragen: Wie entwickelt man ein Unternehmen weiter? Wie geht man mit Verantwortung um? Wie findet´man seinen eigenen Weg? Ich bin inzwischen seit mehreren
Jahren dabei und eigentlich von Anfang an im Vorstand aktiv gewesen. Für mich gehört zu einem Netzwerk nicht nur das Nehmen, sondern auch das Gestalten. Das Schöne an der Rolle als Vorsitzende ist, dass jeder diesem Jahr seine eigene Handschrift geben kann. Meine Themen sind Netzwerk, Kommunikation und Sichtbarkeit. Ich möchte noch mehr junge Unternehmerinnen und Unternehmer für dieses Netzwerk begeistern und zeigen, wie viel Potenzial in unserer Region steckt.
Du bist Kulturwissenschaftlerin, Unternehmerin, Moderatorin, Speakerin, Kulturvermittlerin und Mutter. Als was siehst du dich selbst am liebsten?
T. U.: Die Frage begleitet mich tatsächlich seit vielen Jahren. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, sage ich meistens zuerst: Ich bin Kulturwissenschaftlerin. Dieser kulturelle Blick begleitet mich in allem, was ich tue. Das ist die Brille, durch die ich auf die Welt schaue – privat wie beruflich. Deshalb ist das bis heute die Bezeichnung, mit der ich mich am stärksten identifiziere.
Gibt es einen Moment oder eine Person, die dich besonders geprägt hat?
T. U.: Vor allem meine Familie. Nicht unbedingt durch einzelne Ratschläge oder große Lebensweisheiten. Sondern dadurch, dass sie mich immer bestärkt hat, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Rückhalt habe. Dass ich Dinge ausprobieren
darf. Dass ich scheitern darf. Und dass trotzdem jemand hinter mir steht. Das ist etwas, das man oft erst später richtig zu schätzen weiß.
Bevor wir noch einmal einen Schwenk zurück in dein heutiges Leben machen, wollen wir noch mehr über dich als Person erfahren.
Wo bist du geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen?
T. U.: Geboren wurde ich in Ellwangen. Aufgewachsen bin ich in Fremdingen, dort war ich auch in der Grundschule. Anschließend ging es ans Gymnasium nach Oettingen und später zum Studium.
Du hast Europäische Kulturgeschichte, Katholische Theologie, Europastudien und Ethnologie studiert. Was war die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit?
T. U.: Dass alles, was wir heute als selbstverständlich ansehen, eine Geschichte hat. Wenn man beginnt zu verstehen, warum Menschen bestimmte Dinge tun, warum gesellschaftliche Regeln entstanden sind oder warum wir manches als völlig normal empfinden, dann verändert sich der Blick auf die Welt. Und die zweite große Erkenntnis war: Jeder Mensch schaut durch seine eigene Brille auf die Realität. Dadurch können unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander existieren. Das klingt simpel, hat aber meinen Blick auf Menschen und Gesellschaft grundlegend verändert.
War die Theresa, die ins Studium gegangen ist, eine andere als die, die zurückkam?
T. U.: Ja, auf alle Fälle. Das Studium hat mich sehr verändert. Ich glaube, ich habe dort zum ersten Mal wirklich verstanden, dass unterschiedliche Lebensrealitäten gleichzeitig existieren können, ohne dass eine davon automatisch falsch ist.
Du hast dich früh in Nördlingen selbstständig gemacht. Welche Rolle spielt dabei der Begriff „Heimat“ für dich?
T. U.: Das Ries ist mein Zuhause. Und wenn ich irgendwo eine Fahne reinstecken müsste, dann wäre das Fremdingen. Ich wohne heute in Nördlingen und bin dort sehr glücklich. Aber Fremdingen ist für mich Ruhe. Familie. Zuhause. Gleichzeitig hat mich das Ries im Positiven wie im Negativen geprägt. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich mich erst von bestimmten Denkweisen – u.a. der Rieser Engstirnigkeit lösen musste, bevor ich verstanden habe, wo mein beruflicher Weg eigentlich hingehen soll. Ich sage immer: Wenn man es im Ries schafft, dann schafft man es überall. Das Ries ist manchmal enger, als wir glauben. Nicht geografisch, sondern auch in den Köpfen. Viele wachsen mit einer klaren Vorstellung davon auf, wie ein Leben auszusehen hat. Für mich war die wichtigste Erkenntnis überhaupt, dass unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander existieren können. Als jemand, der schon früh gemerkt hat, dass er gerne auf Bühnen steht, Menschen begeistert und ständig neue Ideen ausprobiert, habe ich oft überlegt: Bin ich jetzt die Komische? Passt mit mir irgendwas nicht? Und dann kommt man plötzlich raus aus dem Landkreis wird, auf Bühnen eingeladen und merkt: Die Leute finden das gar nicht komisch. Die finden das spannend. Deshalb sage ich heute oft: Ich musste die „Rieser Standards“ erst wieder verlernen, um meinen eigenen Weg zu finden.
Für diejenigen, die dich nicht kennen, wie würdest du dich und dein Wirken aktuell am treffendsten formulieren?
T. U.: Ich war schon immer jemand, der einfach gemacht hat. Ich habe nie einen perfekten Businessplan geschrieben oder eine Zehnjahresstrategieentwickelt. Ich wusste meistens nur, wo ich ungefähr hinwill – und dann bin ich losgelaufen. Mein Ziel ist eigentlich immer dasselbe geblieben: Menschen neue Perspektiven zu eröffnen. Wenn nach einem Vortrag jemand rausgeht und sagt: „Darüber habe ich vorher noch nie nachgedacht“, dann habe ich etwas richtig gemacht.
Du beschreibst dich selbst als „Kultur-Provo-Kuratorin“. Erzähl mal – was ist damit gemeint?
T. U.: Mich interessieren die Themen, bei denen es ein bisschen unbequem wird. Ich glaube, Menschen entwickeln sich genau dann weiter, wenn sie ihre Komfortzone verlassen müssen. Deshalb faszinieren mich diese gesellschaftlichen Graubereiche. Die Themen, über die man nicht so gerne spricht. Die Fragen, bei denen Menschen anfangen, ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Und wenn ich ehrlich bin: Ich habe großen Spaß daran, genau auf dieser Grenze zu tanzen.
Was ist deine ganz persönliche Definition von Kultur?
T. U.: Kultur ist überall. Das ist wahrscheinlich der wichtigste Satz, den ich aus meinem Studium mitgenommen habe. Kultur ist nicht nur Theater,
Oper oder Museum. Kultur steckt auch darin, wie wir leben, arbeiten, kommunizieren oder miteinander umgehen. Deshalb tue ich mich schwer mit diesem elitären Kulturverständnis. Man muss sich nicht auskennen, um Kultur erleben zu dürfen.
Das kulturelle Leben und die Sicht auf Kultur steht vor großen Herausforderungen – viele Kulturinstitutionen kämpfen um Besucher. Woran liegt das?
T. U.: Natürlich spielt Geld eine Rolle. Aber ich glaube, viele Einrichtungen stehen vor der Herausforderung, sich vom Ort des Bewahrens stärker zum Ort des Erlebens zu entwickeln. Menschen suchen Gemeinschaft, Austausch und Erlebnisse. Darin liegt aus meiner Sicht eine große Chance.
Kannst du uns einen typischen Tag in deinem Leben skizzieren?
T. U.: Von außen betrachtet wahrscheinlich chaotisch. Von innen betrachtet hochstrukturiert. Viele Menschen denken immer: „Die Theresa macht halt einfach.“ Aber ohne Struktur würde gar nichts funktionieren. Ich arbeite mit festen Zeitblöcken, stehe früh auf und plane meine Woche sehr genau. Sonst wäre dieses Pensum überhaupt nicht machbar.
Du kannst mittlerweile auf eine beeindruckende Vita zurückblicken und das immer noch in jungen Jahren. Auf welches Projekt oder auf welches Ereignis in deinem Leben bist du besonders stolz?
T. U.: Auf die Kulturmadame. Nicht unbedingt wegen der Reichweite oder Sichtbarkeit, sondern weil ich dort meine eigene Entwicklung beobachten kann. Vor sieben Jahren hätte ich vieles, was ich heute selbstverständlich öffentlich sage, niemals ausgesprochen. Die eigentliche Leistung war deshalb nicht nur der Aufbaueiner Marke, sondern die persönliche Entwicklung dahinter.
Wenn man an den Landkreis denkt, denkt man nicht zwangsläufig an Kultur. Warum bist du hiergeblieben und nicht nach Berlin, München oder Hamburg gegangen?
T. U.: Wegen meiner Familie. Ich habe früh Kinder bekommen. Mein Mann und ich haben damals natürlich über verschiedene Möglichkeiten nachgedacht. Aber Familie hat für mich einen unglaublich hohen Stellenwert. Es gibt einen Wert, über den ich nichts kommen lasse, und das ist Familie. Nicht nur meine eigene Familie, sondern auch meine Eltern, Großeltern und Geschwister. Deshalb war für mich klar, dass ich hierbleiben möchte.
Was können Kulturschaffende von Unternehmern lernen? Und was können Unternehmer von Kulturschaffenden lernen?
T. U.: Dass die eigene Arbeit einen Wert hat. Viele Kreative tun sich schwer damit, über Geld zu sprechen oder einen Preis an ihre Arbeit zu hängen. Aber von Luft und Liebe kann niemand leben. Unternehmen können von Kulturschaffenden lernen, dass Kultur kein nettes Extra ist, sondern ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Unternehmenskultur entscheidet darüber, ob Menschen gerne in einem Unternehmen arbeiten oder eben nicht. Gerade im Mittelstand wird das in Zukunft noch wichtiger werden.
Deine neue Rolle bei den Wirtschaftsjunioren wirkt bei einem ersten Blick auf deine Vita wie ein Stilbruch. Würdest du zustimmen?
T. U.: Nein – kann aber den Gedankengang gut nachvollziehen. Viele Menschen aus der Region kennen mich „nur“ als Kulturmadame. Darüber hinaus arbeite ich aber auch seit Jahren mit Unternehmen, begleite Familienbetriebe und habe selbst gegründet. Für mich sind die Wirtschaftsjunioren deshalb keine Abkehr von meinem bisherigen Weg, sondern die logische Weiterentwicklung.
Mit den Wirtschaftsjunioren bist du im engen Austausch mit den Unternehmen in der Region? Vor welchen Herausforderungen steht der Landkreis wirtschaftlich aktuell?
T. U.: Der Fachkräftemangel bleibt ein großes Thema. Dazu kommen Künstliche Intelligenz, Unternehmensnachfolge und die Frage, wie Wirtschaft
in Zukunft funktionieren wird. Ein Kunde hat kürzlich zu mir gesagt: „Die einzige Konstante ist die Veränderung.“ Ich glaube, das beschreibt die aktuelle Situation sehr gut.
Hat die Personal Brand „Kulturmadame“ ein Ablaufdatum – oder andersrum gefragt: Siehst du dich in Zukunft eher im Betrieb deiner Eltern oder weiterhin im Kultursektor?
T. U.: Nein, im Betrieb meiner Eltern habe ich mich eigentlich nie gesehen. Ich werde dasUnternehmen immer ein Stück weit mitgestalten, vor allem auf strategischer Ebene. Operativ habe ich mich dort allerdings nie dauerhaft gesehen. Was die Kulturmadame betrifft, ist es eher umgekehrt: Viele denken vielleicht, das sei schon der Höhepunkt gewesen. Für mich geht die Kulturmadame eigentlich gerade erst richtig los. In den vergangenen Jahren standen viele andere Projekte im Vordergrund. Jetzt entsteht zunehmend der Raum, dien Marke so weiterzuentwickeln, wie ich sie mir ursprünglich vorgestellt habe.
Welche Schlagzeile würdest du gerne einmal über dich lesen?
T. U.: „Deutschlands freundlichste Störenfriedin zeigte uns, dass Normalität verhandelbar ist.“
Kommen wir zum Self-Rating Test. Schätze bitte deine Fähigkeiten von null Punkten – völlig unbegabt – bis zu zehn Punkten – maximale Begabung – ein:
Neugier?
T. U.: 10 Punkte.
Zuhörerin?
T. U.: 8 Punkte.
Unternehmerin?
T. U.: 8 Punkte.
Anpassungsfähigkeit?
T. U.: 5 Punkte.
Selbstironie?
T. U.: 10 Punkte.
Welche persönlichen Eigenschaften würdest du beim Selfrating-Test mit 10 Punkten und welche mit 0 Punkten bewerten?
T. U.: Begeisterungsfähigkeit wären noch einmal 10 Punkte. Pessimismus würde ich ganz klar mit 0 Punkten bewerten.
Vielen Dank für das interessante Gespräch!