Erst ist es nur ein kurzer Moment der Spannung. Dann geht ein Raunen durch die Stauferhalle. Auf der Leinwand in Donauwörth läuft die Preisverleihung des Deutschen Schulpreises live aus Berlin. Vier Schulen sind bereits ausgezeichnet worden. Die Hans-Leipelt-Schule wartet noch immer. Dann fällt der Name: Hans-Leipelt-Schule, Donauwörth. Was folgt, ist genau das, worauf die Schulfamilie seit Stunden gewartet hat. Jubel, Applaus, Freude. Schülerinnen und Schüler springen auf, Lehrkräfte feiern gemeinsam mit ihnen. Die Anspannung, die sich während der Preisverleihung immer weiter aufgebaut hat, löst sich mit einem Schlag.
Die FOSBOS gehört damit zu den fünf Schulen, die mit einem Schulpreis in Höhe von jeweils 30.000 Euro ausgezeichnet wurden. Der anschließend vergebene Hauptpreis des Deutschen Schulpreises geht an eine weitere Schule. Für die Hans-Leipelt-Schule ist der Wettbewerb damit erfolgreich beendet. Den Veränderungsprozess, der hinter dem heutigen Erfolg steht, hat die Schuler allerdings bereits vor mehreren Jahren angestoßen.
Lehrer und Schüler gehen Weg konsequent gemeinsam
Durch eine externe Evaluation wurde der Hans-Leipelt-Schule damals bescheinigt, "bereits vieles richtig zu machen". Gleichzeitig zeigte sich: Bei der Differenzierung und beim individuellen Lernen gab es noch Entwicklungsmöglichkeiten. "Für ein internes Schulentwicklungsteam war das der Anstoß, genauer hinzuschauen", erklärt Josef Eichinger, stellvertretender Schulleiter. Über rund ein Jahr beschäftigte sich das Team demnach mit der Frage, wie Unterricht aussehen müsse, damit Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen möglichst gut lernen können. Die Antwort darauf trägt heute den Namen BOSVision.
Vor zwei Schuljahren startete das Konzept schließlich an der Berufsoberschule (BOS). Dabei ging die Schule bewusst Schritt für Schritt vor. Über das erste Jahr hinweg wurde das Konzept regelmäßig überprüft. "Alle sechs bis acht Wochen holte die Schule Rückmeldungen von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern ein. Was funktioniert bereits gut? Wo muss nachjustiert werden? Welche Stellschrauben gibt es noch?", so Eichinger. Die Rückmeldungen fielen überwiegend positiv aus - sowohl bei den Schüler*innen als auch den Lehrkräften - der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die am heutigen Dienstag seinen Höhepunkt fand. Im vergangenen Schuljahr wurde BOSVision schließlich auch auf die FOS 13 ausgeweitet.
Was die Jury überzeugt hat
Was die Jury in Donauwörth vorgefunden hat, lässt sich auf einen einfachen Gedanken bringen: Der einzelne Schüler steht im Mittelpunkt. Die Jury lobt das konzentrierte und produktive Arbeitsklima an der Hans-Leipelt-Schule und vor allem die Balance zwischen klaren Strukturen und größtmöglicher Eigenverantwortung. Statt eines klassischen Stundenplans gibt ein Klassenplan den Rahmen vor. Nach kurzen Inputphasen arbeiten die Jugendlichen selbstständig weiter – mit Materialien auf unterschiedlichen Niveaustufen und mit der Freiheit, selbst zu entscheiden, wann sie Unterstützung brauchen. Die Lehrkräfte begleiten sie dabei als Coaches.
Für BOS-Schüler Simon Schmid, der selbst nach dem Konzept unterrichtet wird, ist genau diese Freiheit ein großer Vorteil. „Es erfordert aber auch viel Selbstdisziplin, wodurch man auf das selbstständige Lernen an der Universität vorbereitet wird. Quasi: Studieren mit Stützrädern.“ Die Jury überzeugte zudem, dass das Konzept nicht allein von einzelnen Lehrkräften getragen wird. Das Kollegium entwickelt Materialien gemeinsam, tauscht sich regelmäßig aus und überprüft, was funktioniert und wo nachgebessert werden muss. Aus Sicht der Jury hat BOS Vision deshalb das Potenzial, auch auf weitere Bildungsgänge übertragen zu werden – und strahlt bereits über die Schule hinaus in die Region.
Lehrer geben ein Stück Kontrolle ab
Für die Lehrkräfte bedeutet das neue Konzept ebenfalls eine große Umstellung. Im klassischen Unterricht müssen sie gleichzeitig eine ganze Klasse mit unterschiedlichen Voraussetzungen erreichen. Bei BOSVision sollen die Schülerinnen und Schüler dagegen zunehmend selbst Verantwortung übernehmen.
„Der Lehrer muss lernen, die Zügel locker zu lassen“, beschreibt Eichinger. Nicht mehr die Lehrkraft treibt die Klasse durch den Unterricht. „Der Schüler läuft selbst und der Lehrer begleitet ihn dabei nur.“ Das erfordere ein Umdenken. Auch mit Blick auf die Ausbildung künftiger Lehrerinnen und Lehrer könnte sich die veränderte Rolle langfristig bemerkbar machen. Für die Hans-Leipelt-Schule ist die Entwicklung ohnehin noch nicht abgeschlossen. Aktuell fehlen noch die räumlichen Voraussetzungen, um BOSVision auf alle Klassen auszuweiten. Mit dem geplanten Neubau soll sich das ändern. Bis dahin arbeitet die Schule bereits daran, einzelne Elemente des Konzepts auch in anderen Jahrgangsstufen einzusetzen.
Schule setzt sich gegen 87 Konkurrenten durch
Dass die Hans-Leipelt-Schule für diesen Weg nun ausgezeichnet wurde, ist auch das Ergebnis eines anspruchsvollen Auswahlverfahrens. 87 Schulen hatten sich für den Deutschen Schulpreis 2026 beworben. Nach mehreren Auswahlstufen blieben 15 Finalisten übrig. Eine Jury aus Fachleuten aus Bildungswissenschaft, Schulpraxis und Bildungsverwaltung besuchte die ausgewählten Schulen vor Ort, hospitierte im Unterricht und sprach mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern, Eltern und weiteren Beteiligten. Bewertet wurden die Schulen unter anderem in den Bereichen Unterrichtsqualität, Leistung, Umgang mit Vielfalt, Verantwortung sowie Schulleben und Netzwerke.
Mittlerweile ist die Veranstaltung in der Stauferhalle seit einigen Stunden beendet und der Schulalltag an der Hans-Leipelt-Schule geht weiter. Eine große Feier ist in den kommenden Tagen geplant. Dann wird auch das Preisgeld von 30.000 Euro gefeiert – ein Teil davon soll direkt in ein gemeinsames Fest fließen.