2. August 2020, 08:00

Regionalgespräch mit: Leonhard Dunstheimer

Leonhard Dunstheimer Bild: Maximilian Bosch
Nur wenige können von sich behaupten, über so viel Erfahrung in der Finanz- und Bankenbranche zu verfügen wie Leonhard Dunstheimer aus Reimlingen. Der langjährige Vorstand der Raiffeisen-Volksbank Ries war Präsident des Genossenschaftsverbandes Bayern und hielt zahlreiche Aufsichtsrats- und Beiratsmandate bedeutender Gesellschaften, rief gleichzeitig wohltätige Stiftungen ins Leben und blieb dabei stets seiner Wahlheimat Reimlingen treu. Unser Redakteur Maximilian Bosch hat ihn für ein Interview Zuhause besucht.

Lieber Herr Dunstheimer, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für unser Regionalgespräch. Lassen Sie uns mit einigen „Entweder-Oder-Fragen“ beginnen:

Frühaufsteher oder Nachteule?
Frühaufsteher.

Kaffee oder Tee?
Kaffee.

Fahrrad oder Auto?
Beides.

Sportfreund oder Sportmuffel?
Sportfreund.

Beschreiben Sie sich mit drei Eigenschaften.
Ich bin sehr gründlich, sensibel, aber auch ungeduldig. 

Sie stammen ja nicht ursprünglich aus Reimlingen. Wo sind Sie aufgewachsen? 
Im Lechgebiet, in Holzheim.

Wann haben Sie begonnen, sich für das Finanzwesen zu interessieren?
Gleich im Anschluss nach der Schule, das war von Anfang an ein gerader Weg.

Würden Sie sagen, Sie haben Ihren Traumberuf verfolgt?
Ja, das kann ich rundum behaupten. Ich habe das auch während meiner ganzen Berufszeit so empfunden, und in Sonderheit war ich immer sehr zufrieden, dass ich den Bankberufim Genossenschaftsbereich gefunden habe. Das hat meinem Naturell grundlegend entsprochen.

Nach Ihrer Ausbildung bei der Raiffeisenbank Bayerdilling wurden Sie bereits 1966 als 18-Jähriger bei der Raiffeisenbank Altenmünster zum jüngsten Geschäftsführer eines genossenschaftlichen Instituts in Bayern berufen – wie kam es dazu? 
Es war damals so, dass die großen Genossenschaftsbanken alle mit Revisoren vom Genossenschaftsverband besetzt waren. Ich wollte damals auch diesen Weg einschlagen und die Ausbildung zum Revisor machen. Und da hat der Zuständige für Schwaben vom Raiffeisenverband gesagt: „Für so ein Talent ist es jammerschade, den in die Revisorenlaufbahn zu schicken – das ist kein Revisor, der muss an die Front.“ 

1971 wurden Sie erst Geschäftsführer, 1976 dann Vorsitzender der Raiffeisenbank Nördlingen. Ihren Lebensmittelpunkt haben Sie 1975 nach Reimlingen verlegt – wie war das damals?
Das war damals kein Problem, dieser Sprung von Altenmünster nach Nördlingen.

Ihre neue Heimat wuchs Ihnen offenbar schnell ans Herz, schon 1978 wurden Sie Gemeinderat. Was hat Ihnen so gut an Reimlingen gefallen, dass Sie sich schon so bald politisch einbringen wollten?
Ich war bereits mit knapp 17 Jahren Kreisverbandsvorsitzender der Katholischen Landjugendbewegung im Landkreis Neuburg/Donau. Von daher hatte ich bereits sehr früh enge Kontakte mit den politischen Mandatsträgern. In Altenmünster gründete ich dann als 19-Jähriger den CSU-Ortsverband und wurde dort auch CSU-Ortsvorsitzender. Von daher war ich eigentlich schon immer politisch aktiv, zumal ich auch bereits mit 14 Jahren in die CSU eingetreten bin.

Wäre es für Sie infrage gekommen, auch eine politische Karriere zu verfolgen?
Als ich CSU-Vorsitzender in Altenmünster war, gab es, wie gesagt, sehr enge Kontakte mit dem damaligen MdL Rudolf Roßkopf und MdB Karlheinz Lemmrich. Damals war das für mich schon ein erstrebenswertes Ziel, mich politisch weiter zu betätigen. Als man allerdings auf mich zukam (als CSU-Kandidat für die Bundestagswahl 1990, Anm. d. Red.) war die Entwicklung der Bank in Nördlingen und mein Wirken in den Gremien des Genossenschaftsbereichs aber so weit gediehen, dass ich dann diesen Umstieg nicht mehr machte.

Auch ins Vereinsleben haben Sie sich damals gestürzt, besonders bei den Musikanten sind Sie eingestiegen. Spielt Musik eine wichtige Rolle in Ihrem Leben? 
Ja, absolut. Ich habe Trompete mit sieben Jahren gelernt, war auch in Altenmünster in der Musikkapelle. Wie ich nach Reimlingen kam trat ich auch gleich ein, und war später erst 2. und dann 1. Vorstand. 

Sogar ein eigenes Reimlinger Heimatlied haben Sie 1976 komponiert – wie kamen Sie zu dieser Idee?
Da war ich zwei Jahre in Reimlingen und war voller Begeisterung Musikant. Ich habe da auch das Reimlinger Bläserquintett geleitet. Und in dieser Begeisterung habe ich das Reimlinger Heimatlied geschrieben.

Gibt es neben der Blasmusik noch andere Musikgenres, die Sie gerne hören? 
Ich habe nach dem Bezug der jetzigen Hauptstelle die Konzertreihe „Klassik im Ries“ gegründet. Das ist entstanden, indem ich bei einer Feier zur Überraschung der Mitarbeiter auf der Treppe mit der Trompete ein Solo gespielt habe. Und dann haben sowohl die Mitarbeiter als auch ich festgestellt, was die Schalterhalle für eine Akustik hat. Da ist dann die Idee entstanden, hier Konzerte zu veranstalten. 

Widmen wir uns wieder Ihrer beruflichen Laufbahn. Sie waren 37 Jahre lang Vorsitzender der RVB Ries. Was würden Sie sagen hat sich im Bankenwesen in dieser Zeit am meisten verändert?
Das ist die Technik gewesen, wo sich die Dinge innerhalb dieser Zeit ganz rasant entwickelt haben. Ferner im Genossenschaftsbereich die Konzentration auf größere Einheiten. Das hat schon 1971 begonnen, dass sich diese Rieser Bank aus vielen kleinen Genossenschaftsbanken formiert hat. Das ist sicherlich typisch für diese Zeit gewesen.

Während Ihrer Zeit an der RVB-Spitze hat sich viel verändert, die RVB Ries wurde zum größten Kreditinstitut der Region. Hat Ihnen die Arbeit eher am Anfang oder am Ende Ihrer Laufbahn mehr Spaß gemacht?
Spaß überhaupt nicht, sondern Freude. Begeistert war ich sowohl am Anfang wie am Schluss. Obwohl die Verantwortung und die Arbeit ein Mehrfaches in den letzten Jahren war wie in den Anfangsjahren habe ich es dennoch fast leichter empfunden als am Anfang, aufgrund der Erfahrung.

Fehlt Ihnen Ihr Beruf heute manchmal?
Da kann ich jetzt nicht ja oder nein sagen. Ich bin nach wie vor so eingebunden, sowohl bei der Bank wie auch im Bezirk und Land, in Form von Einladungen und Informationen und so weiter, da geht mir das andere nicht ab. Wenn man sich’s wünschen würde, als Rentner oder Pensionär, wie es sein soll, dann würde man es sich so wünschen, wie es bei mir geworden ist. 

Was war die größte Herausforderung, der Sie sich als Vorsitzender der RVB Ries stellen mussten?
Als Einzelprojekt war es sicherlich der Erwerb und Bau der jetzigen Hauptstelle im Jahr 1985. Die Dimension lag damals 60 Prozent über dem für den status quo notwendigen Nutzflächenmaß, war aber im Hinblick auf die weiteren Konzentrationsentwicklungen nötig. Es war eben die Schwierigkeit, die Gremien davon zu überzeugen, diese Investition zu diesem Zeitpunkt in dieser Dimension zu tätigen.

Was würden Sie dagegen als größten Erfolg bezeichnen?
Als Einzelnes kann ich da jetzt nichts nennen, aber das Erfolgsgeheimnis insgesamt war die Personalpolitik, bei der Führungsebene, der zweiten Führungsebene und den Mitarbeitern insgesamt. Wir hatten lange Zeit in der Führungsebene eine sehr viel höhere Akademikerquote als anderswo. Ich habe immer Leute um mich geschart, die in ihrem Spezialgebiet eher besser waren als ich selbst. 

Sie waren während Ihrer Laufbahn Teil mehrerer Aufsichtsräte bzw. Beiräte, zum Beispiel bei der Deutschen Immobilien-Fonds AG, der VR-Leasing AG in Frankfurt, der Allianz AG und der BayWa AG, um nur einige zu nennen. Wie muss man sich so ein Engagement vorstellen?
Bei diesen Gesellschaften gibt es vier bis acht Aufsichtsratssitzungen pro Jahr, in München, Frankfurt, Hamburg, Berlin. Und dann natürlich die Telefongespräche und bilateralen Abstimmungsgespräche mit dem Vorstand der Gesellschaft, wo man immer wieder mit einbezogen wird.

Welcher Ihrer Posten hat damals am meisten Zeit in Anspruch genommen?
Die DIFA und die Allianz AG. Bei der DIFA waren es die Begutachtung der zu erwerbenden Objekte, und bei der Allianz die Dimensionen, um die es da ging, zum Beispiel beim Erwerb und der Umstrukturierung von Gesellschaften.

Gab es unter diesen verschiedenen Mandaten eines, das Ihnen besonders gefallen hat? 
Sie waren alle auf ihre Art jeweils grundlegend anders, aber gleichermaßen interessant.

Auch die Regierung hat auf Ihre Erfahrung gebaut, Sie waren Beirat im Bundeswirtschaftsministerium im Wirtschaftsbeirat und im Bayerischen Finanzministerium in München. Waren das spannende Aufgaben?
Ja, wirklich. Im Finanzministerium ging es um den Aufbau und die Verwaltung des Fonds für die Besoldung der Bayerischen Beamten. Der Fonds hatte den Zweck, Besoldungsspitzen ab 2020 uff., von denen man bereits vorausschauend wusste, zu brechen.

Sie sind in Ihren vielfältigen Positionen auch viel herumgekommen in der Welt – wohin überall hat es Sie dabei verschlagen?
Da ging es nach London, Paris, Barcelona, Madrid, Lissabon, Rom, Washington, Chicago, San Francisco, Tokio, Warschau.

Was hat Sie immer wieder nach Hause ins Ries und nach Reimlingen gezogen?
Durch diese bundesweite Tätigkeit in den Gremien waren Anfechtungen in der Art mit da, dass man mich in verschiedenen anderen Banken in den Vorstand holen wollte. Ich habe da immer abgelehnt, während ich mich einmal tatsächlich damit auseinander gesetzt habe, und sogar Gespräche geführt habe. Und als ich von dem Gespräch, von dieser lauten, großen Stadt in Mitteldeutschland zurückkam, und am Abend ins Ries rein fuhr, und dann von Reimlingen nochmal in die Bank musste, durch das Reimlinger Tor durchgefahren bin und die Häuser gesehen habe, da hatte ich das Gefühl, wie wenn man heimkommt nach einem arbeitsreichen Tag. Am anderen Tag habe ich um 9 Uhr dort angerufen und abgesagt, da bist du nicht daheim, daheim bist du im Ries.

Sie haben sich auch ehrenamtlich von 1977 bis 2008 im Genossenschaftsverband Bayern eingebracht, zuletzt sogar als dessen Präsident. Würden Sie sagen, dass die Genossenschaftsidee Ihr Handeln immer bestimmt hat? 
Ja, genau. Mit Fug und Recht kann ich das sagen, dass ich das so gesehen habe, vom Kreisverband über den Bezirksverband Schwaben bis zum Landesverband.

Was ist für Sie das Besondere an der Genossenschaftsidee, dass sie Ihr Leben so bestimmt hat? 
Dass es nicht darum ging, Kapital um des Kapital Willens zu erwirtschaften, sondern dass alles, was in dieser Zeit an Leistung erbracht wurde für die Mitglieder, für die Breite war. 

Der Ruf der Finanzbranche hat unter der Weltfinanzkrise 2008 Schaden genommen, das Ansehen des Berufsstandes hat gelitten. Was kann die Branche tun, um Vertrauen zurückzugewinnen?
Aus meiner Sicht wurde zu wenig differenziert und zu sehr pauschalisiert. Die Genossenschaftsbanken haben heute unter der Administration und dem Bürokratismus zu leiden, sie müssen die Folgen tragen aus dieser Geschichte, obwohl sie bei der Verursachung nicht dabei waren. Auf Ihre Frage, was man da tun kann: Unseren Leuten sage ich da, sie müssen da viel mehr Klartext reden. Was wahr ist muss gesagt werden.

Kommen wir zu Ihrem Engagement für die Gesellschaft. Sie haben sich durch die Gründung verschiedener Stiftungen um das Gemeinwohl im Ries verdient gemacht. Unter anderem gehen die Raiffeisen-Volksbank-Ries-Stiftung und die VR-Bürgerstiftung Ries auf Ihre Initiative zurück. Auch das von Wirtschaftsminister Anton Jaumann im Testament verfügte Vermächtnis zur Gründung einer Anton-Jaumann-Stiftung für die Kirchenmusik im Ries haben Sie umgesetzt und letztlich waren Sie auch Initiator der Margarethe-Jaumann-Stiftung. Woher kommt dieser Wille, Ihre Mitmenschen zu unterstützen?
Der Grundstein ist sicherlich schon in meiner Kindheit begründet, durch die christliche Erziehung. 

Hatten Sie dabei ein Vorbild, an dem Sie sich orientiert haben? 
Zentral in der Beziehung waren sicherlich meine Eltern insgesamt und meine Mutter im Besonderen. 

Gibt es eine Stiftung, die Ihnen besonders am Herzen liegt? 
Das ist meine eigene, die meine Frau und ich gemeinsam gegründet haben, die Stiftung Hoffnung. Sie hat zwei Zwecke: Zum einen die Unterstützung jugendlicher Strafgefangener in Niederschönenfeld während der Haftzeit sowie im Übergang in die Freiheit und zum anderen Hilfe für bedürftige Kinder im Ries.

Wie kommt es, dass Sie sich um das Wohl von Strafgefangenen kümmern?
Als ich schon in Nördlingen war, 1986/87, rief mich der Ortsgeistliche aus dem Heimatort an, der ehrenamtlich als Geistlicher Niederschönenfeld betreut hat. Früher hat er als Pfarrer Gefangene im letzten Drittel ihrer Haft zum Ausgang mitnehmen können. Er hat mich angerufen und gefragt, was er mit denen im Ries machen kann. Ich hab ihm gesagt, „da gehst auf die Harburg, und auf den Daniel, und dann kommst zu mir in die Bank, ich richte für jeden ein Stück Kuchen her.“ Da waren die so begeistert, dass sie diese Anerkennung bekommen haben, einer hat gleich Tränen geweint. Nach sechs Wochen hat der Pfarrer wieder angerufen, und dann hat sich das eingebürgert.

Im Laufe Ihres Lebens haben Sie auch zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem das Bundesverdienstkreuz, den Bayerischen Verdienstorden, den Rieser Heimatpreis und die Ehrenbürgerwürde von Reimlingen. Welche Ehrung bedeutet Ihnen am meisten?
Das kann ich nicht sagen, jede für sich hat für mich einen hohen Stellenwert.

Bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde haben Sie auch gesagt, dass Ihre Frau und Ihre Kinder während Ihrer aktiven Zeit oft auf Sie hätten verzichten müssen. Genießen Sie die Zeit, die Sie jetzt im Ruhestand mit der Familie verbringen können? 
Ja, das genieße ich sehr, wobei das damals auch nicht mit einem schlechten Gewissen verbunden war. Es war nie ein Defizitempfinden, weil die Zeit, in der ich da war, intensiv war. Und darauf kommt es meines Erachtens an, nämlich auf die Qualität und nicht auf die Quantität der Anwesenheit.

Haben Sie ein Lebensmotto? 
Ja, festgelegt im 20. Lebensjahr und gültig bis heute: „Man muss die Dinge nehmen wie sie kommen. Aber man sollte ungeheuer viel dafür tun, damit die Dinge einigermaßen so kommen, wie man sie nehmen möchte“.

Kommen wir zum Self-Rating Test. Schätzen Sie bitte Ihre Fähigkeiten von null Punkten – völlig unbegabt – bis zu zehn Punkten – maximale Begabung – ein:

Hausmann?
3 bis 4 Punkte.

Handwerker?
5 Punkte.

Menschenfreund?
10 Punkte.

Nach allem, was Sie in Ihrem Leben getan und erreicht haben: Welche Ziele will Leonhard Dunstheimer noch erreichen?
Ziel im irdischen Sinn: keins. Ich bin voll von Dankbarkeit. Letztlich,vom Glauben her, das Hauptziel. Ich freue mich mit meiner Frau über die Kinder und deren Familien, die Enkel und so weiter und hoffe, dass das alles seinen guten Weg weitergeht. 

Vielen Dank Herr Dunstheimer für das freundliche Gespräch und dafür, dass Sie sich Zeit für uns und unsere Leserinnen und Leser genommen haben!