Das Beste aus dem blättle

Einer, der das Ries lesen kann

Bild: Mara Kutzner
Ein Meteorit formte vor Millionen Jahren das Nördlinger Ries und hinterließ eine einzigartige Landschaft. Geoparkführer Andreas Seel weiß, wo man genau hinschauen sollte.

Oben am Mähhorn bei Huisheim ist es still, nur der Wind streicht über die kargen Gräser. Wer den Blick schweifen lässt, sieht Felder, Dörfer, Kirchtürme, den Ipf, Windräder auf dem Hahnenkamm – und mittendrin die Stadt Nördlingen überragt vom Turm „Daniel“. 

Die idyllische Landschaft ist Folge einer gewaltigen Katastrophe: Vor rund 15 Millionen Jahren schlug hier ein Meteorit ein – mit einer Energie, die alles Leben im Umkreis von 100 Kilometern auslöschte. 

„Wir stehen hier am äußeren Kraterrand“, sagt Andreas Seel. Er ist Geoparkführer und kennt das Ries wie kein Zweiter. Seit seiner Rente 2019 beschäftigt sich der Huisheimer mit der Geologie des Rieskraters. Seine Führungen sind keine gewöhnlichen Spaziergänge, sondern Reisen durch Millionen Jahre Erdgeschichte.

Leben auf kargem Boden

Am Mähhorn zeigt sich, wie besonders das Ries ist. Andreas Seel erklärt, dass die Humusschicht unter dem Gras gerade mal neun Zentimeter beträgt. Darunter folgt purer Kalkstein.

Im Vergleich zur fruchtbaren Riesebene hat sich aufgrund dieser besonderen Bodenbeschaffenheit am Riesrand eine außergewöhn liche Vegetation gebildet: der sogenannte Magerrasen. Mehr als 600 Hektar davon gibt es im Ries und sie gelten als artenreichste Lebensräume der Region.

Besonders beliebt sind die Flächen nicht nur bei Wanderern und Naturliebhabern. Schafen schmeckt Bild: Mara Kutzner der Magerrasen besonders gut, zugleich sind die Tiere die wichtigsten „Pflegekräfte“. Durch extensive Weidewirtschaft wird verhindert, dass die Flächen verbuschen. Doch über Nacht dürfen die Tiere auf dem Magerrasen nie bleiben. „Übermäßige Düngung würde die Artenvielfalt bedrohen“, erklärt der Geoparkführer.

Ein Meteoriteneinschlag, der Berge versetzt

Nur wenige Kilometer weiter, im Geotop Kalvarienberg bei Gosheim, wird die Gewalt des Einschlags greifbar. Allein beim Griff mit der bloßen Hand an die Felswand im stillgelegten Kalksteinbruch bemerkt man, wie brüchig alles ist. „Dieser Fels hier hat schon einiges mitgemacht und ist stark beansprucht“, schmunzelt Andreas Seel. Tatsächlich wurde die riesige Gesteinsscholle mit einer Energie von mehreren 100 000 Hiroshima-Atombomben einige Kilometer nach Osten gerollt bzw. geschoben. Neueren Erkenntnissen zufolge könnte es sogar sein, dass der „Megablock“ durch die Luft an seinen heutigen Platz geschleudert wurde, so Seel.

Dabei wurde die Scholle nicht nur verschoben, sondern um ganze 90 Grad gekippt. Geologen erkennen das an den deutlich sichtbaren Stauchfalten im Steinbruch und daran, dass ältere Gesteins schichten weiter oben liegen als die jüngeren. Durch den Impakt kamen plötzlich Gesteinsschichten aus der Jurazeit vor 200 bis 142 Mio. Jahren zum Vorschein.

Wer ganz genau hinsieht findet in Gosheim vielleicht ein Fossil aus dem Jurameer: den Abdruck eines spiralförmigen Ammoniten oder sogar einen für die Region typischen „Ries-Belemniten“. Die fossilen Skelettreste kleiner Tintenfischverwandter wurden durch die Druckwelle des Einschlags erst in kleine Scheibchen zerbrochen und haben sich anschließend wieder miteinander „verschweißt“.

Blick in das Geoptop Bürschel in Hainsfarth. Hier lassen sich die Spuren des Ries-Sees erkennen. Bild: Mara Kutzner

Nicht das ganze Ries ist flach

Auf dem Weg durchs Ries macht Andreas Seel auf halber Strecke zwischen Alerheim und Appetshofen Halt. Von hier sieht man deutlich: Nicht das ganze Ries ist flach! Hügel wie der Steinberg oder der Wennenberg sind keine Zufälle. Der Geoparkführer erklärt, dass es sich hier um den inneren Kraterring handelt. Dieser stellt die Reste des ursprünglichen Kraters dar. Der Meteorit mit rund einem Kilometer Durchmesser schlug im Bereich des heutigen Deiningens ein und riss in den ersten Sekunden nach seinem Einschlag ein 4,5 Kilometer tiefes Loch in die Erde. Innerhalb der nächsten 10 Minuten bildete sich der Krater mit dem inneren Kraterring, der Megablockzone und dem äußeren Kraterrand.

Ein See, wie in den Tropen

Nach der Katastrophe begann ein neues Kapitel. Im Kraterbecken bildete sich ein riesiger See – fast so groß wie der Bodensee. Zunächst salzig, später durch Zuflüsse versüßt, wurde er zum Lebensraum für Tiere, die man heutzutage hier nicht einmal mehr erahnen würde: Pelikane, Flamingos und Papageien lebten einst im Ries! Nach etwa zwei Millionen Jahren verlandete der See schließlich vollständig – ein Wimpernschlag in der 4,5 Milliarden Jahre alten Geschichte der Erde.

Zurück blieben Kalkablagerungen. Im Geotop Bürschel in Hainsfarth sind die Reste des ehemaligen tropischen Kratersees sichtbar. Andreas Seel steht im Steinbruch vor einer Felswand und zeigt die weltweit einmaligen „Algenstozen“: Kalkablagerungen, die von Grünalgen abgeschieden wurden und in kegelförmigen Strukturen nach oben wuchsen.

Erdgeschichte zum Anfassen

Auf der Tour durch das Ries greift Andreas Seel plötzlich in seinen Rucksack und holt ein unscheinbares Stück Stein hervor: Keuper-Sandstein, rund 210 Millionen Jahre alt. „Ohne den Einschlag hätte ich ihn nie gefunden“, sagt er stolz. Das Gestein lag einst in etwa 700 Metern Tiefe, der Impakt brachte es an die Oberfläche.

Andreas Seel bietet mittlerweile über 16 verschiedene Führungen durch das Ries an. Gemeinsam mit rund 25 Geoparkführer*innen zeigt er Besucherinnen und Besuchern, dass es im Ries mehr um als nur Landschaft geht, sondern um Millionen Jahre Erdgeschichte und um einen einzigartigen Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen.

Redaktionsleitung. Unterwegs für blättle und online.

Telefon: 0906 / 977 598 - 23, E-Mail: mkutzner@donau-ries-aktuell.de