Interview

David Wittner: „Zusammenhalt in der Stadt ist unbezahlbar“

David Wittner ist in seiner zweiten Amtszeit als Nördlinger Oberbürgermeister. Bild: Foto Hirsch
David Wittner steht seit 2020 an der Spitze der Stadt Nördlingen. Der Oberbürgermeister verrät im Gespräch mit Redakteurin Mara Kutzner, warum er zunächst eigentlich gar nicht in seiner Heimatstadt Nördlingen bleiben wollte, was die größten Herausforderungen in der Stadt sind und wo er Ausgleich zu seinem Berufsalltag findet.

Sehr geehrter Herr Wittner, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für unser Interview nehmen. Zum Start beginnen wir mit einigen Entweder-Oder-Fragen: Daniel oder Stadtmauer?

David Wittner: Daniel!

Mess‘ oder Staben?

D. W.: Staben!

Marathon oder Fußball?

D. W.: Fußball.

Urlaub daheim oder in der Ferne?

D. W.: In der Ferne.

Wenn Sie sich selbst in drei Worten beschreiben müssten – welche wären das?

D. W.: Zielstrebig, verlässlich, nicht allzu geduldig, um nicht ungeduldig sagen zu müssen.

Sie sind in Nördlingen geboren und aufgewachsen. Wie war Ihre Kindheit?

D. W.: Es war eine typische Nördlinger Kindheit. Ich war im Kindergarten St. Michael, in den dann später auch meine eigenen Kinder gegangen sind. Danach war ich an der damaligen Squindo-, jetzt Hans-Scheufelin-Schule, an der auch meine Kinder waren, beziehungsweise ein Kind noch ist, bin dann aufs Theodor-Heuss-Gymnasium gegangen, wo ich 2002 Abitur gemacht habe. Ich war im Fußballverein, in der Jugendfeuerwehr, bei den Ministranten. Ich bin jemand, der noch auf dem Bolzplatz aufgewachsen ist. Ich fuhr nachmittags nach der Schule mit dem Fahrrad fünf Minuten heim in die Eselerstraße. Es gab dann meistens gleich Essen, dann Hausaufgaben und spätesten um 13:30 Uhr ging es raus zum Bolzplatz. Ich bin immer viel draußen gewesen. Als man sicher schwimmen konnte und dann auch mal allein losziehen durfte, im Sommer ganz viel im Freibad. Im Winter natürlich auf dem Eisplatz, Schlittenfahren – was man halt so macht bei uns in Nördlingen und im Ries.

Nach der Schulzeit haben Sie sich für ein Studium im Tourismusmanagement entschieden. Was hat Sie daran gereizt?

D. W.: Unmittelbar nach dem Abi musste ich noch neun Monate meinen Grundwehrdienst leisten. Tourismus habe ich studiert, weil mich einerseits das Betriebswirtschaftliche stark interessiert hat, und andererseits hatte der Tourismus die internationale Komponente mit dabei. Das hat mich als junger Erwachsener fasziniert – die große weite Welt und Internationalität.

Die Rückkehr nach Nördlingen als Langzeitziel

David Wittner in der Atacama Wüste Bild: privat

Wollten Sie Nördlingen also eigentlich verlassen?

D. W.: Gerade als Jugendlicher war es für mich eine schlimme Vorstellung, immer hier bleiben zu müssen. Ich wollte raus, mir war das zu eng, zu spießig, zu eingeschränkt. Deswegen bin ich auch froh, dass ich in Kempten studiert habe und über ein Doppeldiplomierungsabkommen zwischen der Uni Palma und der Kemptener Hochschule auch eineinhalb Jahre auf Mallorca war. Unmittelbar im Anschluss habe ich in Baden-Baden bei einem Onlinereiseveranstalter gearbeitet. Dort war ich bis Ende 2009 und hätte mir dann auch vorstellen können, zu einem großen Unternehmen und in eine große Stadt zu gehen. Aber nachdem ich ein bisschen gesehen hatte, wie es anderswo so ist, habe ich die Qualitäten meiner Heimatstadt ganz neu schätzen gelernt.

Also doch wieder zurück ins spießige, kleine Nördlingen?

D. W.: Mit Mitte/Ende zwanzig war es schon das Langfristziel, irgendwann mal wieder zurück nach Nördlingen zu kommen. Dann ergab sich diese Möglichkeit – aber eigentlich in meiner Lebensplanung viel zu früh. Ich war 26 Jahre alt, da wurde die Stelle im Tourismus ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und die Stelle tatsächlich bekommen. Am 1. Januar 2010 habe ich bei der Stadt Nördlingen als Leiter der Tourist-Information angefangen.

Sie waren zehn Jahre Leiter der Nördlinger Tourist-Information. Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken, was fällt Ihnen als erstes ein?

D. W.: Das tolle Team, das wir dort hatten und natürlich heute noch haben. In der Zeit, in der ich dort angefangen habe, war vieles im Umbruch. Es war keine einfache Zeit am Start. Aber über die Jahre haben wir ein super Team zusammengestellt und das Arbeiten hat richtig Spaß gemacht. Wir konnten viel entwickeln, viele Veranstaltungen organisieren.

Ein typischer Tag in Nördlingen und als Oberbürgermeister?

Wenn Sie für einen Tag Tourist in Nördlingen wären – was würden Sie machen?

D. W.: Was für mich absolute Pflicht für jeden ist, der körperlich in der Lage dazu ist, die 350 Stufen auf den Daniel hochzusteigen und diesen einmaligen Ausblick über Nördlingen und das Ries zu genießen. Es ist immer eine eigene Stimmung und ein besonderes Flair dort oben. Danach würde ich entlang der Stadtmauer spazieren – die einzige rundum begehbare Stadtmauer in ganz Deutschland, die immer wieder tolle Blicke auf die Altstadt ermöglicht. Dann sollte man das Rieskratermuseum mit dem Mondstein und den spannenden Fragen zu Entstehung des Alls, der Planeten, unserer Erde und der Menschheit besuchen. Und wenn man dann noch Zeit hat, kann man sich die Siedlungsgeschichte im Ries und die Geschichte der Stadt im Stadtmuseum ansehen. Danach muss man auf jeden Fall noch gut essen. Kaffee und ein Eis gehören genauso dazu. Vielleicht ist das alles an dem einen Tag gar nicht zu schaffen.

2020 sind Sie als politischer Newcomer ins Amt des Oberbürgermeisters gewählt worden. Warum haben Sie sich entschieden, in die Politik zu gehen?

D. W.: Öffentlicher Dienst oder Politiker war nicht unbedingt ein Berufswunsch, der mich schon seit Kindertagen begleitet hat. Durch meine Tätigkeit bei der Stadt Nördlingen und weil ich hier auch groß geworden bin und mich zu der Zeit auch als Fußballtrainer im Verein engagiert habe, habe ich gesehen, was hier alles möglich ist. Durch die Arbeit bei der Stadt habe ich gesehen, was man kommunalpolitisch gestalten kann. Das hat mich dann doch fasziniert und gereizt. Als klar war, dass Hermann Faul nicht noch mal kandidieren würde, dachte ich mir: Ja, ich probier´s.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag so aus? Gibt es den überhaupt?

D. W.: Ich bin schon jemand, der die Dinge gerne organisiert und strukturiert, um für die doch zahlreichen Fälle, in denen etwas Unvorhergesehenes eintritt, nicht komplett überfordert zu sein, sondern auf einer verlässlichen Struktur aufbauen zu können. Der ideale Tag beginnt um 5:45 Uhr mit Aufstehen. Kaffee, Zeitung, die Kinder machen sich fertig für die Schule und der Papa für die Arbeit. Dann geht man ins Büro. Dort geht es in der Früh mit einer „Morgenlage“ los, eine kurze Besprechung hier im engsten Team, was an diesem Tag so ansteht. Danach geht es weiter mit Gremienarbeit im Kreistag oder Aufgaben beim Städtetag. Natürlich bin ich viel im Stadtgebiet unterwegs – vom Sportverein über Firmen bis zur Feuerwehr. Auch ganz klassische Aktenarbeit gehört zu meiner Tätigkeit. Wir haben es mal hochgerechnet: Summa summarum dürften es um die 10 000 Unterschriften pro Jahr sein, die ich leiste. Abends sind dann in der Regel Sitzungen des Stadtrats und seiner Ausschüsse oder sonstige Veranstaltungen aus den Bereichen Sport, Kultur oder Soziales. Am Samstag und Sonntag fällt die Büroarbeit nicht in diesem Maße an, da sind es hauptsächlich Veranstaltungen, die den Tag prägen.

Diese Projekte werden die kommenden Jahre prägen

Seit sechs Jahren stehen Sie an der Spitze Nördlingens. Was waren die prägendsten Momente?

D. W.: Gestartet sind wir ja mit einer Situation, die keiner vorhergesehen hatte. Keiner hatte die Corona-Pandemie auf dem Schirm. Keiner hatte den Ukraine-Krieg auf dem Schirm. Dass Donald Trump zurückkehren würde, hat auch keiner gehofft. Es waren viele globale Ereignisse, die bis auf die kommunale Ebene massive Auswirkungen hatten. Aber es waren natürlich auch unheimlich schöne Momente dabei. Das erste Stadtmauerfest als OB, die Eröffnung des Kraterbades, unterwegs zu sein, in der Kernstadt und in den Ortsteilen, und auch die ganzen Jubiläen, wie zum Beispiel die der Feuerwehren, wo man sieht, was Ehrenamt bewirken kann. Auch in der Stadtratsarbeit haben wir uns gut eingefunden und viele Dinge relativ schnell auf die Reihe gebracht. In Summe haben wir rund 160 Millionen Euro in sechs Jahren investiert. Das sind Investitionen auf Rekordniveau.

Gab es auch Entscheidungen, die besonders schwer oder herausfordernd waren?

D. W.: Ja, es sind ganz oft Abwägungsentscheidungen. Was ich ja von Anfang an als ein hochumstrittenes Projekt übernommen habe, war das Thema Egerviertel. Eine schwierige Abwägung: Wohnraum, der gebraucht wird und eine Industriebrache, die wiederbelebt werden soll. Auf der anderen Seite musste man auch schauen, dass die Dimensionen aus städtebaulicher Sicht in die Altstadt passen. Mit dem Nördlinger Kraterbad konnte in diesem Jahr ein Großprojekt abgeschlossen werden.

Wie kam das neue Hallenbad in den ersten Monaten bei den Nördlingern an?

D. W.: Wir sind mit dem Start sehr zufrieden. Durch die Schulen haben wir eine unheimlich starke Belegung. Das war uns sehr wichtig, dass Schulschwimmen eine Möglichkeit hat. Bis zu drei Klassen können jetzt gleichzeitig Schwimmunterricht durchführen. Der Schwimmbereich, insbesondere auch der Kinderbereich mit dem Triple Slide (Anm. d. Red.: die Wasserrutsche) und dem kleinen Spielbereich, werden hervorragend angenommen. Und auch die Sauna und die Gastronomie laufen schon ganz ordentlich.

Das nächste Großprojekt steht an: Wie ist der aktuelle Stand bei der neuen Feuerwache auf dem Döderlein Gelände?

D. W.: 2030 soll es fertig werden. Das ist das größte Hochbauprojekt der kommenden Jahre. Ich denke, dass es schon wesentlich diese Amtsperiode prägen wird. Wir sind gerade dabei, das Raumprogramm aufzustellen – das soll bis Jahresende finalisiert werden. Dann werden wir in einem relativ schlanken Verfahren einen geeigneten Architekten und Planer dafür suchen. In der ersten Jahreshälfte 2027 wird es schon die ersten Entwürfe geben, wie es baulich aussehen kann. Entweder noch 2028 oder im Frühjahr 2029 soll dann der Baubeginn sein.

Was passiert mit dem Spitalhof, wo das Feuerwehrhaus jetzt ist?

D. W.: Es gibt schon verschiedene Pläne. Einmal den Spitalhof selbst vielleicht zu entsiegeln und ein bisschen zu begrünen und aufzuwerten. Wir sind immer noch auf der Suche nach einer Heimat für unser Stadtarchiv. Das platzt aus allen Nähten. Der Spitalhof wäre ein möglicher Standort. Es wird mit Sicherheit eine gute Folgesituation geben. Für die Einsatzsituation und die Anforderungen z.B. die Zufahrt und die Abfahrt, ist der Spitalhof für die Feuerwehr aber nicht mehr darstellbar.

David Wittner in der 5. Klasse am THG Bild: privat

350 Menschen verlieren in Nördlingen ihren Arbeitsplatz – der Varta-Standort schließt. Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort Nördlingen?

D. W.: Mit dem Standort hier in Nördlingen war die Batteriezellenfertigung noch in Europa, in Deutschland möglich. Die bittere Erkenntnis heute ist, dass das fast nicht mehr möglich ist. Wenn das hier nicht überlebensfähig ist, wird dieser Industriezweig wahrscheinlich bei uns komplett verschwinden. Nicht nur aus Nördlingen, sondern auch aus Deutschland und Europa. Ich habe die berechtigte Hoffnung, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle wieder Arbeit finden, weil viele Betriebe nach wie vor suchen. Und wir sind breit aufgestellt: Druck, Lebensmittel, Maschinenbau, Dienstleister, Handel.

Wie kann die Stadt hier unterstützen?

D. W.: Kürzlich hat schon eine Jobbörse gemeinsam mit Varta, dem Wirtschaftsförderverband,
 er Arbeitsagentur und uns als Stadt stattgefunden. Es waren fast fünfzig Firmen vor Ort, die den Leuten Angebote gemacht und sie bei der Jobsuche unterstützt haben. Ansonsten sind wir regelmäßig im Austausch mit Varta, bis zuletzt dann der Insolvenzantrag gestellt wurde. Aber die Warnsignale waren da, das haben wir auch eng begleitet. Man hat immer gehofft, dass man es noch würde abwenden können. Die primäre Sorge gilt aber nun den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und wir müssen eine vernünftige Nachnutzung für die Gebäude planen.

Wenn Sie einen Wunsch für Nördlingen frei hätten – ganz ohne finanzielle oder rechtliche Grenzen – welcher wäre das?

D. W.: Natürlich fallen mir sofort bauliche Themen ein. Vielleicht ein großer Campus mit Universität oder eine große Veranstaltungshalle. Aber eigentlich ist es tatsächlich viel mehr der Zusammenhalt in der Stadt, den ich mir wünsche und dass sich die Menschen mit ihrer Stadt identifizieren und auch einbringen. Das ist am Ende unbezahlbar, und es ist das, was eine Stadt lebenswert macht. Natürlich wünscht man sich auch, dass so viel Geld da ist, dass wir solide haushalten können, unsere Aufgaben erfüllen können, den Bürgern Lebensqualität bieten können und unsere Bäder und Kultureinrichtungen weiterbetreiben können.

So tickt David Wittner privat

Was machen Sie, wenn Sie mal einen Sonntag frei haben?

D. W.: Meine Zeit würde ich natürlich mit der Familie verbringen. Im Sommer würde ich mit meinen Kindern mal wieder zum Schwimmen gehen, im Freibad oder an den See. Wir würden auf jeden Fall etwas draußen unternehmen. Und wenn es sogar zwei freie Tage wären, wäre es vielleicht mal wieder ein Besuch auf der Nördlinger Hütte.

Wo finden Sie Ausgleich vom Berufsalltag?

D. W.: Ich versuche so gut wie es geht Sport in meinen Alltag zu integrieren. Mittlerweile mache ich nur noch Kraftausdauertraining, um zu versuchen, körperlich fit zu bleiben.

Früher sind Sie auch Marathon gelaufen. Was war Ihre Bestzeit?

D. W.: Ja, bin ich. Aber aktuell nicht mehr. Daran ist nicht mehr zu denken. 2 Stunden und 53 Minuten, 2015 in Barcelona. Das ist tatsächlich etwas, das in Erinnerung bleibt. Die Nördlinger Hütte im Karwendel haben Sie gerade schon angesprochen.

Gibt es noch weitere Orte außerhalb von Nördlingen, an dem Sie besonders gerne Urlaub machen?

D. W.: Vor den Kindern haben meine Frau und ich gerne Fernreisen nach Asien und Südamerika unternommen. Mich würde es schon reizen, wenn die Kinder größer sind oder mal aus dem Haus, wieder den Trekking-Rucksack zu packen und loszuziehen. Weit weg, ganz andere Kulturen, nicht viel Luxus außer Zeit.

Zum Schluss kommen wir zum Self-Rating Test. Schätzen Sie bitte Ihre Fähigkeiten von null Punkten (völlig unbegabt) bis zu zehn Punkten (maximale Begabung) ein: Sportler?

D. W.: Für mein Alter schon über dem Durchschnitt. 8 Punkte.

Teamplayer?

D. W.: Früher noch mehr als jetzt. Als OB bist du oft einsam in deiner Rolle. Sagen wir mal 7 Punkte.

Koch?

D. W.: Unterdurchschnittlich. Tendenz fallend. 4 Punkte.

Optimist?

D. W.: 8 Punkte.

Handwerker?

D. W.: Ähnlich wie Koch. Auch 4 Punkte.

Welche Frage haben wir Ihnen heute nicht gestellt, die Sie gerne beantwortet hätten?

D. W.: Wenn ich in einer Schulklasse bin, fragen mich Kinder immer ganz
typische Fragen. Lieblingsverein? Schalke! Lieblingsessen? Lasagne! Lieblingsfarbe? Blau!

Vielen Dank, Herr Wittner, für das interessante Gespräch!

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