Amateurfußball

BFV-Präsident Christoph Kern: "Der Fußball ist häufig gesellschaftliches Abbild"

Bild: BFV
Gewaltausbrüche auf Amateurfußballplätzen sorgen immer wieder für Schlagzeilen. BFV-Präsident Christoph Kern ordnet im Interview die aktuelle Situation im Landkreis Donau-Ries ein.

In Deutschland finden pro Wochenende rund 13.000 Fußballspiele statt. In den vergangenen Monaten zeigt sich allerdings eine alarmierende Entwicklung: Auf den Sportplätzen kommt es zu immer mehr Gewalt– nicht nur zwischen Fans und Spielern – sondern häufig auch gegenüber Schiedsrichtern. So schockierte erst vor wenigen Wochen ein Fall aus Alterding. Dort erhielt ein erst 12-jähriger Schiedsrichter nach einem D-Jugendspiel Morddrohungen. Leider ist dies schon lange kein Einzelfall mehr. Während es deutschlandweit zu immer mehr Spielabbrüchen und Übergriffen kommt, scheint der Landkreis Donau-Ries von dieser Entwicklung auf den ersten Blick noch recht unberührt zu sein. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit dem aktuellen BFV-Präsidenten Christoph Kern über die aktuelle Situation in der Region zu sprechen. Er selbst arbeitet als Direktor am Amtsgericht in Nördlingen und ist im Donau-Ries bestens vernetzt.

Sehr geehrter Herr Kern, wie blicken Sie persönlich auf die aktuelle Entwicklung im Amateurfußball und wie bewerten Sie die Lage im Landkreis Donau-Ries?

Christoph Kern: Positiv. Absolut positiv. Wir haben insbesondere in den jüngsten Jahrgängen einen enormen Zulauf, die Passantragszahlen haben zuletzt mit über 53.000 neuen Spielerinnen und Spielern einen Höchststand erreicht. Unsere Herausforderung wird es sein, die Kinder gemeinsam mit den Vereinen auch bei der Stange zu halten, sie an den Fußball und an die Klubs zu binden. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass wir gerade ab der C-Jugend, insbesondere aber bei den B- und A-Junioren, wieder viele Spieler verlieren. Diese Entwicklung verzeichnen wir in ganz Bayern. Deshalb gibt es auch keinen Grund, sich auszuruhen. Unser neues Kinderfußball-Konzept könnte dem entgegenwirken. 

In der Region kam es im Jahr 2024 zu einem Platzsturm und einer Schlägerei beim Spiel TSV Bäumenheim gegen SpVgg Brachstadt/Oppertshofen. Sehen Sie solche Fälle als absolute Ausnahme oder als Warnsignal für immer mehr Gewaltbereitschaft auf Sportplätzen?

C. K.: Es ist beides. Die Zahlen sehen eine gleichbleibende Zahl an Gewaltvorfällen auf unseren Sportplätzen. Bei rund 200.000 Spielen hatten wir in der vergangenen Saison 88 Spielabbrüche – da reden wir dann in der Tat von absoluten Ausnahmen, allerdings merken wir schon auch, dass sich unsere Gesellschaft verändert, der Ton wird rauer. Der Fußball ist gesellschaftliches Abbild. Der in vielen Lebensbereichen nachlassende Respekt spiegelt sich auch bei uns wider. Hinzu kommt, dass die mediale Verbreitung heute eine ganz andere ist. Wenn es früher bei einem Spiel in Aschaffenburg zu Problemen gekommen ist, dann war das ein regionales Thema am Untermain, wir hier in Schwaben haben davon nichts mitbekommen. Das ist heute völlig anders, die sozialen Medien verbreiten das in Windeseile. Deswegen sprechen wir auch von einer gefühlten Steigerung der Problemfälle, die Zahlen sprechen eine andere Sprache. 

Wie geht der BFV im Landkreis konkret mit solchen Fällen um? Mit welchen Konsequenzen müssen Vereine rechnen?

C. K.: Wir fahren eine Null-Toleranz-Politik! Gewalt, ob verbal oder körperlich, hat auf unseren Plätzen nichts verloren und wird durch unsere Sportgerichte sanktioniert – mit Geldstrafen, Sperren und auch mit Auflagen. Beispielsweise können unsere Gerichte einfordern, dass Gewalttäter nur dann wieder spielen können, wenn sie auch an einem Anti-Aggressions-Training teilgenommen haben. Und seit einem Jahr geben wir wirklich schwerwiegende Fälle an die Generalstaatsanwaltschaft zur strafrechtlichen Verfolgung weiter – wir waren der erste Landesverband, der solch eine Kooperation geschlossen hat. Die Botschaft ist klar: Der Fußballplatz ist kein rechtsfreier Raum, wer sich danebenbenimmt, hat mit Konsequenzen zu rechnen. 

Was kann der Verband unternehmen, um solch einer Eskalationsstufe vorzubeugen?

C. K.: Das geht nur zusammen – Vereine und Verband müssen für klare Regeln stehen und das auch ebenso klar verdeutlichen. Beispielsweise mit unserer Kampagne „Bleibt’s entspannt am Spielfeldrand“, die wir gemeinsam mit Antenne Bayern initiiert haben. Denn wir haben gemerkt, dass oft von abseits des Platzes die Aggression ausgeht, wenn Zuschauer glauben, sie hätten mit dem Kauf der Eintrittskarte einen Freibrief erworben und lassen ihre Manieren am Kassenhäuschen zurück. Diese Leute wollen wir nicht haben, dürfen wir auch nicht dulden. Es braucht Zivilcourage: Diejenigen, die sich ordentlich benehmen und einfach Fußball sehen wollen, sind die überwältigende Mehrheit – und diese Mehrheit muss denen, die sich danebenbenehmen, klar sagen, dass es so nicht geht. 

Ist der Fußball hierbei Teil der Lösung oder Teil des Problems?

C. K.: Ja, wir müssen Teil der Lösung sein – auch wenn ich mich wiederhole: Fußball spielen wir nach Regeln, das funktioniert – aber an die Regeln habe ich mich auch zu halten, wenn es mal nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle. Da gilt es, das den schwarzen Schafen zu verdeutlichen. Ihnen müssen wir die Rote Karte zeigen! 

Ist Ihnen eine ähnliche Entwicklung auch von anderen Sportarten bekannt? Falls nein – was kann der Fußball dahingehend von anderen Sportarten lernen?

C. K.: Menschen, die sich danebenbenehmen, gibt es überall. Fußball ist ein Massenphänomen, steht als Sportart Nummer eins voll im Fokus, da wird so etwas schnell publik. Und ja, der Fußball ist für alle da – wir machen da keine Unterschiede, wir sind kein elitärer Kreis, das ist auch das Schöne an unserem Sport. Jeder ist herzlich zum Kicken eingeladen. Manchmal aber wünsche ich mir schon jene Disziplin, wie sie beim Handball oder Basketball an den Tag gelegt wird. Da entscheidet der Schiedsrichter – und es wird nicht diskutiert oder der Ball einfach mitgenommen. Wir sind im Fußball schon ein Stück weitergekommen mit der Kapitänsregel oder unserem Stopp-Konzept, aber noch nicht so weit, wie ich mir das persönlich wünsche. 

Welches Feedback erhalten Sie aktuell von Seiten der Schiedsrichtergruppe Donau und wie steht es um den Schiedsrichternachwuchs in der Region?

C. K.: Wir haben in Bayern aktuell so viele Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Deutlich mehr als 10.000 Unparteiische sind im Einsatz, wir bilden jährlich rund 1000 Neulinge aus. Der Negativtrend ist gestoppt. Wir hatten beim Verbandstag 2022 die Weichen dafür gestellt und die Rahmenbedingungen deutlich verbessert. Die Spesenerhöhung ist das eine, die Betreuung und Ausbildung das andere. Wir machen es den Neulingen einfacher, stellen ihnen einen festen Paten an die Seite, der sie gerade bei den ersten Spielen eng betreut und coacht. Dazu kommt die Digitalisierung: Ausbildung, Schulungen oder Lehrabende bieten wir modern und zeitgemäß an, das trifft den Zeitgeist junger Menschen. 

Wie unterstützt der BFV Schiedsrichter, die Opfer von Gewalt wurden?

C. K.: Auch das ist eher die Ausnahme – wir hatten in der vergangenen Saison genau ein Dutzend Übergriffe. Angesichts der Vielzahl an Spielen ist das eine sehr, sehr kleine Zahl, aber eben nicht die Null. Und deshalb stellen wir diesen Schiedsrichtern seit 2022 auch psychologische und rechtliche Betreuung vom Verband zur Seite. 

Redakteur. Schreibt bei uns für Online und blättle. Ist in Donauwörth geboren und aufgewachsen und der Stadt sehr verbunden. In seiner Freizeit als Spieler und Trainer auf den Fußball - und Tennisplätzen der Region zu finden.

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