1. Januar 2021, 10:42

Auf ein Tässchen mit... Ralf "Ralla" Kluge

Ralf Kluge aus Nördlingen in der kleinen Küche seines Cafés Bild: DRA
In jedem blättle führen wir ein Regionalgespräch mit einer Persönlichkeit aus dem Landkreis Donau-Ries. Das Motto lautet "Auf ein Tässchen mit..." und insgesamt werden 50 Fragen gestellt und beantwortet.

Ralf "Ralla" Kluge führt das Turmcafé auf dem Berger Tor der Stadtmauer in Nördlingen. Das Mulitalent betreibt auch eine Minigolfanlage, ist selbst amtierender Stadtmeister im Minigolf, ist nach langer Zeit als Haupttürmer derzeit Ersatztürmer auf dem Daniel, kümmert sich im Winter um die Eisbahn, hat eine Münzschneidewerkstatt und ist liebend gerne auch Weltenbummler. Unsere Reporterin Diana Hahn hat ihn in seinem Café getroffen.

Hallo Ralf. Vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Interview genommen hast. Unser Regionalgespräch steht immer unter dem Motto auf ein Tässchen mit ...

1 Was darf es für dich sein: Tässchen Tee oder Tässchen Kaffee?
Kaffee.

2 Frühstück: Lieber deftig oder süß?
Auf jeden Fall deftig.

3 Wann beginnt dein Arbeitstag?
Um acht Uhr morgens.

4 Wann endet dein Arbeitstag?
Eigentlich ist mein Café bis 20 Uhr geöffnet. Aber wenn das Wetter schön ist, dann kann es auch schon mal Mitternacht werden.

5 Wo bist du geboren und aufgewachsen?
In Nördlingen.

6 Hast du ein Lebensmotto?
Tagescafé ist eigentlich mein Lebensmotto. Ab 18 Uhr ruf ich dann auch immer, wenn jemand kommt: „Tagescafé, es gibt nix mehr“. (lacht)

7 Lieber gutbürgerliches Essen oder exotische Küche?
Beides. Aber am besten selbst gekocht. Ich bin ja viel herumgekommen, deshalb koche ich auch gerne mal indisch oder chinesisch.

8 Morgens lieber Zeitung, Radio oder Fernseher?
Zeitung, aber auch eine halbe Stunde das Morgenmagazin.

9 Bist du lieber mit dem Fahrrad oder dem Auto unterwegs?
Mit dem Fahrrad. Vor zwei Jahren habe ich mir in Mailand ein ganz tolles gekauft.

Lass uns über deine Zeit als Türmer auf dem Daniel sprechen.

10 Wie lange hast du als Türmer gearbeitet?
Als Haupttürmer habe ich zwei Jahre lang gearbeitet. Davor war ich aber bereits Ersatztürmer. Also Urlaubs- oder Krankenvertretung. Haupttürmer wurde ich, weil ein anderer Türmer, Charlie Schied, verstorben ist. Ich hab dann seinen Platz eingenommen.

11 Was hat dich dazu bewegt, als Türmer zu arbeiten?
Ich bin überzeugter Nördlinger und fand den Job des Türmers an sich immer ganz cool. Man unterhält sich dann auch mit den anderen Türmern. Und einer hat mir dann das Angebot gemacht, dass ich mir das ja einfach mal anschauen kann. Das hab ich dann auch gemacht und mir hat es gefallen.

12 Warum hast du aufgehört?
Weil es mir zu viel geworden ist. Das Café ist ist mein Hauptberuf. Gerade im Sommer ist hier sehr viel zu tun.

13 Was war das Schönste am Beruf als Nördlingens höchster Beamter?
Ich liebe extreme Wetterlagen wie Winterstürme oder Blizzards. Wenn du im Winter oben auf dem Daniel bist und der Turm im Sturm dann wackelt, das finde ich toll. Aber auch die Romantik ist toll, wenn du abends auf deine Stadt schaust wie sie langsam einschläft.

14 Gibt es auch etwas, das dir am Türmer-Beruf überhaupt nicht gefallen hat?
Eigentlich nicht. Es ist eigentlich ein toller Job. Du bleibst in Bewegung dadurch dass du täglich viermal 350 Stufen gehst und bist bei den Touristen Ansprechpartner Nummer 1.

15 Gibt es ein Ereignis aus deiner Zeit als Türmer, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ein paar Promis waren schon bei mir auf dem Turm. Zum Beispiel der Comedian Dieter Nuhr. Der hat in Nördlingen gespielt und sich dann auch den Daniel angeschaut. Oder auch Stofferl Well von Biermösl Blosn war schon bei mir auf dem Turm. Er war mit seiner Sendung Stofferl Wells Bayern bei mir. Da hat man dann abends zusammen auf dem Daniel musiziert. Das war schon toll.

16 Wie sieht eigentlich ein Tag im Leben eines Türmers aus?
Morgens geht es hoch auf den Turm. Da musst du dann alles dabei haben, was du brauchst. Essen für dich selbst und auch das Katzenfutter für unsere Turm-Katze. Wenn du oben bist, bist du oben. Da gibt es eine witzige Geschichte: Einmal habe ich aus Versehen den Bedienungsgeldbeutel aus dem Café mit auf den Turm genommen. Den habe ich dann dem ersten Touristen mit nach unten gegeben. Meine damalige Bedienung musste den dann abholen. Das hat wunderbar funktioniert.

17 Hast du während deiner Zeit als Türmer auch mal den Türmer-Ruf vergessen oder verpasst?
Das passiert öfter mal. Einmal bin ich zum Beispiel eingeschlafen. Um viertel zwölf hat dann das Telefon geklingelt. Der Nachbar von gegenüber war dran und hat mir gesagt, dass ich doch bitte rufen soll. Er konnte nämlich nicht schlafen, weil unten Touristen standen, die auf den Ruf gewartet und deshalb immer nach oben gerufen haben. Ich hab dann um viertel zwölf gerufen. Die Touristen waren damit zufrieden.(lacht) Mittlerweile gibt es ein ausgeklügeltes Wecksystem. Fünf Minuten bevor man rufen muss, klingelt ein Wecker. Und um den abzustellen, muss man aufstehen.

18 Gab es schon mal einen Moment in dem du lieber nicht auf dem Turm gewesen wärst? Während eines schweren Unwetters zum Beispiel?
Nein. Bisher war immer alles gut.

19 Arbeitest du noch als Türmer-Urlaubsvertretung?
Ja. Aber eigentlich nur im Winter. Im Sommer habe ich mit meinem Café genug zu tun.

Lass uns doch mal über dein Café sprechen.

20 Auch jetzt hast du wieder einen besonderen Arbeitsplatz. Wo arbeitest du denn genau?
Wir haben hier in Nördlingen ja eine komplett begehbare Stadtmauer mit fünf Stadtoren. In der Türmerstube des Berger Tors betreibe ich mein Café, das Café Berger Thor.

21 Seit wann betreibst du das Café?
Ich bin jetzt im zwanzigsten Jahr. 1998 habe ich das Café eröffnet.

22 Gab es das Café schon vorher oder hast du es aufgebaut?
Ich habe es aufgebaut. Als ich vor fast 20 Jahren angefangen habe, gab es nicht mal einen Wasseranschluss.

23 Warum gerade ein Café auf der Stadtmauer? Hätte dich ein normales Café nicht gereizt?
Es war schon das Individuelle, das mich hier gereizt hat. Ich wusste von Anfang an, dass ich nie einen Ganzjahres-Gastronomiebetrieb haben wollte. Ich wollte mir einfach die Freiheit behalten, im Winter den Dingen nachzugehen, die ich gerne mache. Reisen zum Beispiel. Mein Café lässt mir diese Freiheit. Ich arbeite ein halbes Jahr und im andren halben Jahr kann ich das machen, worauf ich Lust habe.

24 Was ist die Spezialität im Café?
Eine richtige Spezialität gibt eseigentlich gar nicht. Aber die Lage auf der Stadtmauer ist schon etwas Besonderes.

25 Du bist auch der Betreiber der Minigolfanlage. Bist du selbst auch begeisterter Minigolfer oder lässt du lieber die Gäste spielen?
Ich bin sogar amtierender Stadtmeister im Minigolf. Dieses Jahr trete ich aber nicht an, damit die anderen auch mal eine Chance haben. (lacht)

26 Du betreibst außerdem eine Münzsägewerkstatt. Was genau machst du dort?
Ich nehme Münzen mit schönen Motiven und säge dann Teile der Münzen aus, damit am Ende nur noch das Motiv übrig bleibt. Daraus werden dann Schmuckanhänger. Zum Münzsägen habe ich aber leider nur noch im Winter Zeit.

27 Woher kannst du das?
Ich habe das vor 30 Jahren in Thailand, auf Ko Pha-ngan, von einem Schweden gelernt. Zeitweise hatte ich in Asien sogar drei Sägestühle an schönen Stränden verteilt stehen. Diese habe ich dann immer mal wieder angesteuert und Münzen gesägt.

28 Braucht man dafür eine besonders ruhige Hand?
Ja, eine ruhige Hand braucht man auf jeden Fall. Und früher auch gute Augen. Heute mache ich das mit einer Lupe. Das Münzsägen selbst hat für mich auch etwas Meditatives.

29 Bist du generell eine Person, die nicht schnell aus der Ruhe zu bringen ist?
Ja, das kann man so sagen. Ich reg mich nicht sehr schnell auf.

30 Woher stammen die Münzen, die du bearbeitest?
Teilweise stammen die Münzen von meinen Reisen. Ich gehe auch immer auf Antikmärkte und halte nach schönen Exemplaren Ausschau. Teilweise bringen mir aber auch Freunde und Bekannte Münzen von ihren Reisen mit.

31 Reist du noch immer viel?
Extrem viel. Letzten Winter bin ich sieben Mal verreist. Mittlerweile sind es aber meistens Kurztrips innerhalb Europa. Die Welt habe ich mittlerweile gesehen. Es gibt kaum etwas, wo ich nicht war.

32 Gibt es einen Ort, den du noch gerne bereisen würdest?
Nein. Ich habe eigentlich alles bereist, was ich sehen wollte. Da waren auch einige verrückte Trips dabei. Ich habe zum Beispiel in China die Seidenstraße bereist, als das noch gar nicht erlaubt war, war schon mit der transmongolischen Eisenbahn unterwegs und habe auch schon ein Auto nach Afrika überführt. Dabei habe ich auch ganz schön gefährliche Sachen erlebt. Auf dem Weg nach Afrika sind wir in den zweiten Golfkrieg geraten. Da flogen auch schon Pflastersteine in unsere Richtung. Und das Ganze mit einem Auto, das ich für 100 DM gekauft habe. Das wäre echt ein sehr schlechter Moment gewesen, um eine Panne zu haben.

33 Gibt es außerdem einen Ort, den du immer wieder bereisen würdest?
Ja. Thailand. Dort kennen mich viele Menschen.

34 Könntest du dir vorstellen, Nördlingen zu verlassen und auszuwandern?
Nein, mittlerweile nicht mehr. Bei meiner ersten Reise, die 1,5 Jahre dauerte, war ich dafür noch offen. Ich war in dieser Zeit unter anderem in Australien und Neuseeland, also in Ländern, in denen man sich auch mittlerniederlassen könnte. Aber mittlerweile kann ich mir das nicht mehr vorstellen, Nördlingen für immer zu verlassen.

35 Warum nicht?
Ich bin einfach in Nördlingen stark verwurzelt und habe mein Café hier. Außerdem ist es hier ja auch sehr schön. Touristen sagen oft zu mir, dass es toll sein muss, da zu leben, wo andere Urlaub machen.

36 Im Sommer Biergartenbetreiber, im Winter kümmerst du dich um den Eisplatz. Dazu noch die Minigolfanlage und die Münzsägewerkstatt. Du bist ein umtriebiger Mensch?
Eigentlich nicht. Alles was ich mache hab ich eigentlich nie freiwillig gemacht. Das sind alle die Jobs, die kein anderer wollte. (lacht)

37 Kannst du auch mal abschalten und nichts tun?
Ja klar kann ich das. Sogar sehr gut.

38 Wobei kannst du entspannen?
Entspannen kann ich zum Beispiel beim Golfspielen. Da habe ich übrigens ein Handicap von 10. Wenn es zeitlich funktioniert geh ich auch regelmäßig golfen. Aber auch Reisen hat etwas entspannendes. Generell fahre ich im Winter voll runter. An regnerischen Tagen bleibe ich da schon mal den ganzen Tag zu Hause und koche einfach nur was.

39 Angenommen du könntest eine historische Person treffen, wer wäre das?
Da fällt mir eigentlich niemand ein. Aber ich würde gerne einmal Nördlingen im Mittelalter erleben. Um einfach zu sehen, wie das Leben in dieser Zeit wirklich war.

40 Warum gerade Nördlingen im Mittelalter?
Ganz klar, weil ich hier zu Hause und sehr verwurzelt mit Nördlingen bin. Ich lese auch gerne alte Chroniken, das interessiert mich einfach.

41 Wenn du eine Sache auf der Welt verändern dürftest, was wäre das?
Donald Trump.

42 Auf was könntest du in deinem Leben nicht verzichten?
Natürlich auf das Reisen. Ich bin aber auch ein Genussmensch. Also ist eigentlich auch gutes Essen unverzichtbar. Das ist manchmal auch meine Belohnung für den Tag. Da kann es dann schon mal passieren, dass ich abends um halb elf noch anfange zu kochen.

43 Vervollständige bitte folgenden Satz: Typisch für mich ist ...
... dass ich tolerant und nicht nachtragend bin. Ich kann gut streiten (lacht) und tu das auch gerne. Aber am nächsten Tag spielt das schon keine Rolle mehr für mich.

44 Beschreibe dich mit drei Worten.
Streitbar, erfahren, gelassen.

45 Welcher Ort ist dein liebster im Landkreis?
Mein Café. Das ist wie Heimat für mich. Hier verbringe ich auch einfach viel Zeit.

Kommen wir zu unserem Self-Rating Test: Schätze deine Fähigkeiten von 0 Punkten – völlig unbegabt – bis 10 Punkten – maximale Begabung – ein:

46 Gastgeber?
8 Punkte

47 Abenteurer?
10 Punkte

48 Sportler?
7 Punkte

49 Handwerker?
3 Punkte

50 Deine berühmten letzten Worte?
Immer locker bleiben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!