11. Februar 2021, 09:00

Eintauchen in die Heimatgeschichte

Dr. Wilfried Sponsel und Andrea Kugler präsentieren das 36. Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen und das Ries. Bild: Maximilian Bosch
Lebendige Geschichtsschreibung für Gegenwart und Zukunft: Darum kümmert sich der Historische Verein für Nördlingen und das Ries. Mit der Veröffentlichung ihres 36. Jahrbuchs im Dezember 2020 erreichte die Vereinigung einen weiteren Meilenstein ihrer Vereinsgeschichte.

Im Jahr 1911 gründete sich der Historische Verein im „Goldenen Rad“ in Nördlingen, heute bekannt als Café Radlos. 1. Vorsitzender war damals Dr. Ernst Frickhinger, Pharmazierat und Vorgeschichtsforscher, der heutzutage selbst eine bedeutende Persönlichkeit der Stadtgeschichte darstellt.

Die Zugehörigkeit zum Historischen Verein war nach seiner Gründung eine prestigeträchtige Angelegenheit – wer in der Gesellschaft etwas galt, musste praktisch dazugehören. Das hat sich mit der Zeit etwas gewandelt, aber nach einem Einbruch der Mitgliederzahlen Ende des 20. Jahrhunderts ist der Verein wieder erstarkt und zählt heute um die 350 Mitglieder. „Darauf sind wir auch sehr stolz“, erklärt Dr. Wilfried Sponsel, Stadtarchivar und Zweiter Vorsitzender des Vereins. Die Vereinsführung hat Andrea Kugler inne, die Leiterin des Nördlinger Stadtmuseums. Zielsetzung sind die historische Forschung in Nördlingen und im Ries sowie die Denkmalpflege, zum Beispiel auf dem Nördlinger Friedhof.

Jahrbücher bringen Forschung in die Öffentlichkeit

Seit 1912 bringt der Verein Jahrbücher heraus, die heimatgeschichtliche Aufsätze zu verschiedensten Themen enthalten. Alle drei Jahre erscheint ein Buch, die neueste Ausgabe ist Nummer 36. Die Bücher dienen dazu, aktuelle Forschung zur Geschichte von Nördlingen und seiner Umgebung öffentlich zu machen und bieten eine Veröffentlichungsplattform für Forscher. Dass man dafür nicht auf ein elektronisches Medium zurückgreift, hat seinen Grund: „Es scheint ungewöhnlich, heute noch auf Papier zu gehen“, gibt Andrea Kugler zu, doch Historiker wissen: Papier bleibt. Und das ist für die Jahrbücher entscheidend, denn sie sollen ein lange währendes Referenzmaterial für die Heimatforschung darstellen. Das Internet kommt dennoch auch zum Einsatz: Wenn ein Jahrbuch einmal vergriffen ist, wird der komplette Inhalt eingescannt und auf der Website des Vereins kostenlos verfügbar gemacht.

Man muss kein Profi sein, um zu forschen

Ein wichtiges Merkmal der Jahrbücher ist es, dass prinzipiell jeder darin seinen Aufsatz veröffentlichen kann – man muss kein studierter Historiker sein, auch die Erzeugnisse von Heimatforschern, Studierenden und engagierten Laien können gedruckt werden, solange sie entsprechend hochwertig sind. Die Entscheidung darüber treffen Andrea Kugler und Wilfried Sponsel. Auch wenn es keine Bezahlung gibt, ist das Interesse groß: Die Autoren bekommen schließlich den Mehrwert, einen Artikel publiziert zu haben, was in der Vita von Historikern schlicht ein Muss ist. Eine finanzielle Entschädigung wäre auch nicht zu stemmen: „Das kann man in Geld gar nicht bezahlen, was da Stunden drin stecken“, weiß Andrea Kugler. Zum 36. Jahrbuch Das neue Werk in Schwarz-Weiß ist mit einer Auflage von 600 Stück erschienen und 539 Seiten stark. 21 Aufsätze sind darin enthalten, allesamt bebildert mit qualitativ sehr guten Fotos und Zeichnungen aus Vergangenheit und Gegenwart. „Der inhaltliche Bogen ist ganz weit gespannt“, erklärt Sponsel, von der Archäologie bis zur Zeitgeschichte ist alles dabei. Ein Hobbyforscher aus Nürnberg beispielsweise steuerte einen Beitrag über Münzen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert bei, die auf der Nördlinger Bleiche gefunden wurden. Andrea Kugler selbst hat sich mit der Geschichte der Nördlinger Bierkeller an der Marienhöhe und am Stoffelsberg beschäftigt, während Petra Ostenrieder einen interessanten Artikel über die Oettinger Türmer verfasst hat.

Eine Referenz für zukünftige Forschung

Die Aufsätze in den Jahrbüchern bleiben über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg relevant und dienen als Nachschlagewerke. Kugler und Sponsel greifen in ihrer Forschungsarbeit immer wieder auf die Bücher zurück und wissen sie als Quelle sehr zu schätzen, sie sind aber auch ein Schatz für jeden, der sich für die Geschichte der Region interessiert. Die beiden Vorstände sind bestrebt, die dreijährliche Veröffentlichung der Bücher weiterzuführen, für das nächste liegen praktisch jetzt schon genügend Anfragen bzw. Angebote von Autoren vor.

Tipp

Das neue Jahrbuch ist im Buchhandel für 15 Euro erhältlich, Vereinsmitglieder bekommen es kostenlos. Wer jetzt Lust hat, unter die Nördlinger Historiker zu gehen, ist herzlich eingeladen, sich auf www.nordilinga.de näher mit dem Verein zu beschäftigen – neue Mitglieder sind stets willkommen.