Die einstige Reichsstadt verlor nicht nur ihre Kreisfreiheit, sondern musste sich auch damit abfinden, dass der Kreissitz des neu gebildeten Landkreises Donau-Ries nach Donauwörth verlegt wurde.
Kaum war diese Entscheidung gefallen, nahm bereits das nächste große Reformprojekt Gestalt an: die bayerische Gemeinde- und Gebietsreform, die das Ziel verfolgte, die mehr als 7.000 Dorfgemeinden des Freistaats zu größeren Verwaltungseinheiten zusammenzuführen.
Für Nördlingen bedeutete dies zunächst Zuwachs. Noch im Jahr 1972 schlossen sich Herkheim, Holheim, Kleinerdlingen und Nähermemmingen auf Wunsch ihrer Bevölkerung der Stadt an. Ein Jahr später folgte Löpsingen, wo sich bei einer Abstimmung 97 Prozent der Gemeindemitglieder für die Eingemeindung aussprachen. Die Stadt wuchs – politisch wie räumlich.
„Unser Weg führt nach Nördlingen“: Grosselfingen entscheidet sich
Auch in Grosselfingen (damals noch Großelfingen) und Pfäfflingen blickte man frühzeitig nach Nördlingen. In Grosselfingen machte der damalige Zweite Bürgermeister Faul am 8. April 1972 in einer Bürgerversammlung im Gasthaus Wiedemann unmissverständlich klar, wohin der Weg führen sollte: „nach Nördlingen“.
Den Plan des Landratsamtes, stattdessen eine Verwaltungsgemeinschaft mit Deiningen zu bilden, lehnten die Grosselfinger mit deutlicher Mehrheit ab. So groß war die Überzeugung, dass man im Gemeinderat sogar diverse Anschaffungen – darunter den Kauf einer neuen Heckenschere – mit dem Verweis auf die anstehende Eingemeindung aufschob.
Pfäfflingen setzt auf Nördlingen
Ein ähnliches Bild bot sich in Pfäfflingen. Bei einer Ortsversammlung am 7. Juli 1973 stimmten 64 von 70 Anwesenden für einen Anschluss an Nördlingen. Die Gründe lagen auf der Hand: wirtschaftliche Verflechtungen, kurze Wege und gewachsene soziale Beziehungen, vor allem auch zum nahen Löpsingen, machten die Stadt zum natürlichen Partner.
Der Antrag auf Eingemeindung wurde im Oktober desselben Jahres bei den zuständigen Behörden eingereicht – doch eine Antwort ließ lange auf sich warten.
Das Landratsamt verfolgt andere Pläne
Während in Nördlingen Oberbürgermeister Keßler, Verwaltung und Stadtrat die beiden Dörfer in ihrem Anliegen unterstützten, verfolgte das Landratsamt andere Pläne.
Erst im April 1975 wurde auf einer Pressekonferenz des damaligen Landrats Popp öffentlich, was hinter den Kulissen vorbereitet worden war: Grosselfingen sollte mit Deiningen zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen und einer neu zu gründenden Verwaltungsgemeinschaft Nördlingen zugeordnet werden. Für Pfäfflingen und Dürrenzimmern war das gleiche Modell vorgesehen.
Es regt sich Widerstand
Diese Pläne lösten in beiden Orten massiven Widerstand aus. Mit Rückendeckung aus dem Nördlinger Rathaus hielten Grosselfingen und Pfäfflingen an ihrem Ziel der Eingemeindung nach Nördlingen fest. Auch für die Stadt selbst stand viel auf dem Spiel: In den Zusammenschlüssen sah man die Chance, nach dem Verlust der Kreisfreiheit politisches Gewicht im Landkreis Donau-Ries zurückzugewinnen.
Wie umstritten die Reform war, zeigte sich daran, dass die Fronten quer durch alle Parteigrenzen verliefen. So setzte sich der damalige CSU-Kreisvorsitzende und Staatsminister Anton Jaumann im Pfäfflinger Gasthaus Götz persönlich für die Verwaltungsgemeinschaft ein – und damit offen gegen die Position seines Parteifreundes Keßler.
Der Durchbruch: Eingemeindung gegen alle Widerstände
Am Ende setzten sich jedoch die Gemeinden durch. Zum 1. Januar 1976 wurden Grosselfingen und Pfäfflingen offiziell in die Stadt Nördlingen eingemeindet. Dieser Schritt markierte einen Wendepunkt – nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Alltag.
Anstelle eines eigenen Gemeinderates und eines Bürgermeisters entsandten die Dörfer nun jeweils einen Ortssprecher in den Nördlinger Stadtrat, der ihre Interessen vertrat. In Grosselfingen war dies Altbürgermeister Friedrich Sieber, in Pfäfflingen Heinrich Hubel.
Ende gut, alles gut?
Im Sommer desselben Jahres begannen in Grosselfingen erste größere Infrastrukturmaßnahmen. Die Ortsstraßen wurden ausgebaut, die Kläranlage erneuert. Auch das 100-jährige Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr konnte nun erstmals als Ortsteil der Stadt Nördlingen gefeiert werden. In Pfäfflingen wurden ein neues Baugebiet erschlossen und die Grundlagen für die Umgehungsstraße geschaffen. Im November folgten die offiziellen Eingemeindungsfeiern: In Pfäfflingen traf man sich im Gasthaus Götz, in Grosselfingen im Gasthaus Sonne – jeweils zu einem bunten Abend unter dem Motto „Noch Nearle …“.
Mit den Worten „Ende gut, alles gut“ umschrieb Nördlingens Oberbürgermeister Keßler die Situation im Jahr 1976. Doch noch standen der Stadt schwierige Verhandlungen mit weiteren Nachbardörfern bevor, die sich dem großen Nachbarn nicht ganz so bereitwillig anschließen wollten. Es sollte noch zwei weitere Jahre dauern, bis mit dem Beitritt der Gemeinden Baldingen, Schmähingen und Dürrenzimmern im Jahr 1978 die große Gemeindereform für Nördlingen abgeschlossen war. (dra)