Alte Apfelsorten erhalten

Alte Schätze, neue Wurzeln

Bild: Jennifer Wimmer
Wer im Supermarkt einen Apfel kaufen möchte, hat meist die Wahl zwischen Sorten wie Elstar, Granny Smith oder Gala. Vom Rheinischen Bohnapfel, dem Kesseltaler Streifling oder dem James Grieve fehlt in den Regalen dagegen jede Spur. Kein Wunder: Diese alten Obstsorten sind keine klassischen Tafeläpfel, sondern wachsen vor allem auf Streuobstwiesen und in alten Hausgärten. Viele von ihnen sind inzwischen selten geworden. Im Botanischen Obstgarten „Schäbles Kleinod“ zwischen Wemding und Rudelstetten bekommen sie jedoch eine neue Zukunft.

Wer das 1,6 Hektar große Gelände besucht, merkt schnell: Hier geht es um weit mehr als Obst. Zwischen den jungen Bäumen laden Informationstafeln zum Entdecken ein, Sitzgelegenheiten zum Verweilen und die Natur zum Genießen. Der Garten ist frei zugänglich und versteht sich als lebendiger Lernort für Groß und Klein. Führungen, Schulungen und Kurse bringen Besucherinnen und Besuchern die fast schon in Vergessenheit geratene Welt der alten Obstsorten näher. „Probieren ist hier nicht nur gestattet, sondern sogar ausdrücklich erwünscht“, sagt Sophia Och, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt Donau-Ries.

Ein Vermächtnis für Mensch und Natur

Dass es den Botanischen Obstgarten überhaupt gibt, ist Antonie Schäble und ihrem Mann Hans zu verdanken. Das Ehepaar erwarb den Dreiseithof im Jahr 1969. Das Areal wurde naturnah gepflegt und hauptsächlich zur Heugewinnung für ihre Ponys genutzt. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2010 schenkte Antonie Schäble das Grundstück 2011 dem Landkreis Donau-Ries – verbunden mit einem klaren Wunsch: Das Land sollte „zum Wohle der Natur und der Menschen durch naturgemäße Pflegemaßnahmen erhalten und als lehrreiches Naturobjekt vor allem für die Jugend ausgebaut werden“. Gemeinsam mit der Stifterin entwickelte das Landratsamt Donau-Ries ein Konzept für einen naturnahen Obstgarten. 

Das Projekt wurde mit Fördermitteln der Europäischen Union sowie des Landkreises Donau-Ries und der Stadt Wemding umgesetzt. Im Juni 2022 konnte der Botanische Obstgarten schließlich eröffnet werden. Heute vereint der Garten verschiedene Bereiche:
eine klassische Streuobstwiese mit alten und neuen Obstsorten sowie eine Niederstammanlage zum Erhalt regionaler Apfel- und Birnensorten. Darüber hinaus werden alte, seltene oder bislang kaum bekannte Sorten durch Veredelung vermehrt und so für kommende Generationen gesichert.

Doch woher weiß man eigentlich, welche alten Obstsorten im Donau-Ries überhaupt noch existieren?

Die Antwort liegt in einer groß angelegten Kartierungsaktion, die zwischen 2016 und 2020 in Nordschwaben durchgeführt wurde. Nachdem ein ähnliches Projekt bereits im Allgäu erfolgreich verlaufen war, wurde die Suche nach alten Obstsorten auf das Donau-Ries ausgeweitet. Im Rahmen eines LEADER-Projekts waren Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, alte Apfel- und Birnbäume zu melden. Anschließend machten sich Obstkundler, sogenannte Pomologen, auf den Weg und besuchten Streuobstwiese um Streuobstwiese. Dabei wurden nicht nur die Sorten bestimmt, sondern auch ihre Eigenschaften dokumentiert: Welche Böden bevorzugen sie? Wie widerstandsfähig sind sie? Unter welchen klimatischen Bedingungen gedeihen sie besonders gut?

„Wir haben festgestellt, dass das Donau-Ries über eine beeindruckende Sortenvielfalt verfügt“, erzählt Dr. Silke Peterek, Fachangestellte beim Landratsamt Donau-Ries. Zwar seien keine besonderen Raritäten entdeckt worden, dafür aber zahlreiche regionale Besonderheiten, die andernorts kaum noch vorkommen. Zu diesen Besonderheiten gehört der Leitheimer Streifling – eine Sorte, von der bei der Kartierung nur noch ein einziger Baum bekannt war. Ebenfalls typisch für die Region sind der Kesseltaler Streifling sowie der Rheinische Bohnapfel, der vor allem im Nördlinger Ries verbreitet war. Um dieses wertvolle genetische Erbe dauerhaft zu bewahren, wurden rund zehn ausgewählte Sorten an die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf übergeben. Im Zentralen Sortenerhaltungsgarten in Schlachters am Bodensee werden sie erhalten und ihr genetisches Material langfristig gesichert. Auch im Botanischen Obstgarten spielt die Vermehrung alter Sorten eine wichtige Rolle. Bei der Kartierungsaktion wurden nicht nur bekannte Sorten entdeckt, sondern auch zahlreiche Bäume, deren genaue Herkunft zunächst unklar war. Manche konnten nicht bestimmt werden, weil zum Zeitpunkt der Aufnahme keine Früchte vorhanden waren, andere stammten möglicherweise von alten, bislang unbekannten Sorten.

Um auch diese besonderen Bäume zu erhalten, werden im Obstgarten durch Veredelung neue Pflanzen gezogen. Dabei wird beispielsweise mithilfe der sogenannten Kopulation ein Trieb einer alten Sorte mit einer passenden Unterlage verbunden. So entstehen neue Bäume, die die Eigenschaften der ursprünglichen Pflanze bewahren und dazu beitragen, seltene Obstsorten langfristig zu sichern.

Botanischer Obstgarten Donau-Ries Bild: Marco Kleebauer

Alte Sorten können mehr

Dass alte Obstsorten heute wieder stärker in den Fokus rücken, hat gute Gründe. Deutschlandweit sind rund 2 000 Apfel- und Birnensorten bekannt. Im Handel finden sich jedoch meist nur fünf bis zehn Standardsorten. Dadurch geht ein großer Teil der geschmacklichen und genetischen Vielfalt verloren. Dabei bringen viele alte Sorten Eigenschaften mit, die heute wieder besonders gefragt sind. Sie gelten häufig als robuster gegenüber Krankheiten und Witterungseinflüssen. Viele lassen sich zudem außergewöhnlich lange lagern, sodass auch in den Wintermonaten frische Äpfel aus heimischem Anbau zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sind alte Apfelsorten für Allergiker zum Teil besser verträglich.

Redakteurin. Recherchiert und schreibt für online und im blättle. Immer unterwegs, ob bei einer politischen Diskussion, einem Unfall oder im Eins-zu-eins Gespräch mit ihren Interviewpartnern. Zimmerpflanzenbeauftragte im Redaktionsbüro. Steht in ihrer Freizeit auf dem Tennisplatz.
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