4. September 2019, 09:07

Weniger Müll ist mehr

Wie viel Abfall produzieren wir - und geht es auch ohne? Bild: Mara Kutzner
In der Donau treiben pro Tag 4,2 Tonnen Plastik. 2018 verursachten die Nordschwaben pro Kopf mehr als 544 Kilogramm Abfall. Freiwillige Helfer aus Donau-Ries und Dillingen befreien jährlich die Feldwege und Grünstreifen in der Region von über 500 Kubikmeter Müll. Teil 1 unserer Serie "Wie viel Abfall produzieren wir - und geht es auch ohne?"

Pro Kopf haben die Menschen in den Landkreisen Dillingen und Donau-Ries im Jahr 2018 24,3 Kilo Müll über den gelben Sack entsorgt. Rechnet man auch Altpapier, Hausmüll, Sperrmüll, Bioabfall, usw. dazu, waren es pro Kopf 544 Kilogramm. Die Nordschwaben liegen damit sogar über dem bayerischen Gesamtdurchschnitt von 528 Kilogramm. Belasten wir die Umwelt also stärker als die restlichen Bayern? Nein, sagt Gerhard Wiedemann, der Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsverbands Nordschwaben. Er erklärt die hohe Zahl mit dem gut ausgebauten Service seines Verbandes. Schließlich werden bei 100 Prozent der Haushalte im Entsorgungsgebiets des AWV alle vier Wochen gelbe Säcke abgeholt – das ist nicht überall in Bayern so. Durchschnittlich entsorgen nur etwa die Hälfte der bayerischen Haushalte ihren Plastikmüll über den Gelben Sack oder die Gelbe Tonne. Anderswo landen Plastikverpackungen dann eher in der Restmülltonne. Wir Nordschwaben haben 2018 pro Kopf 127,9 Kilogramm Hausmüll erzeugt. Hier liegen wir deutlich unter dem bayerischen Durchschnitt von 145,2 Kilo.

Wir Nordschwaben sind also keineswegs die größeren Müllsünder, sondern trennen besser und haben ein besseres Entsorgungsangebot als andere bayerischen Regionen. Erschreckend sind die Zahlen aber trotzdem, vor allem wenn man sie mit dem Abfallaufkommen in den vergangenen Jahren vergleicht. 2018 hat der AWV über 35000 Tonnen Restmüll gesammelt, 2001 waren es noch circa 10 000 Tonnen weniger. Noch deutlicher ist der Unterschied beim Gelben Sack. Im letzten Jahr waren es insgesamt 5500 Tonnen – vor 20 Jahren etwas weniger als die Hälfte.

Nicht jeder Kunststoff wird recycelt

Leere Milchpackungen, Joghurtbecher und Plastikfolien landen im Gelben Sack. Größere Plastikteile, wie kaputte Wäschekörbe oder alte Gießkannen, werden auf dem Recyclinghof entsorgt. Was passiert dann mit unserem Plastikmüll? Beim Entsorgungsunternehmen Böhm in Möttingen zum Beispiel werden Kanister, Eimer oder Fässer aus Kunststoff wiederaufbereitet. „Erst werden die Abfälle sortiert, denn recyceln kann man nur sortenreine Kunststoffe“, erklärt Manuel Reinsch, Geschäftsführer bei Böhm Entsorgung.

In der Kunststoffaufbereitungsanlage in Möttingen können bestimmte Kunststoffe dann zu Mahlgut verarbeitet werden. Aus dem Granulat
können neue Produkte hergestellt werden. Plastikmüll, der nicht bei Böhm vermahlen wird, wird in Ballen gepresst und geht dann zu anderen Firmen. Reinsch hat vor allem Kunden aus dem Gewerbe und der Industrie. Er kritisiert, dass oft nur aus finanziellen Gründen recycelt wird – denn das sei zum Teil günstiger als die Verbrennung. Wenn es nach ihm ginge, müsste es gesetzliche Regulierungen zur Abfallvermeidung geben und Unternehmen müssten sich dazu verpflichten, aufbereitetes Recyclingmaterial zu einer gewissen Quote in ihren neuen Produkten zu verwenden. Auch Produzenten, wie die Automobilindustrie sollten verpflichtet werden, einen gewissen Anteil an recycelten Materialen zu verwenden, meint Reinsch. „Die Zukunft liegt in der Aufbereitung für neue Produkte“ sagt der Entsorgungsunternehmer. 

Unser Gelber Sack, den wir alle vier Wochen zur Abholung an die Straße stellen, kommt erst nach Dillingen und von dort ebenfalls zu Sortieranlagen. Wenn allerdings wie bei Käseverpackungen feste Plastikschalen mit einer weichen Kunststofffolie verbunden sind, oder Joghurtbecher aus Plastik nicht vom Aludeckel getrennt werden, können die Abfälle nicht recycelt werden. Die automatisierten Sortieranlagen können die Stoffe nicht zuordnen. Die meisten Kunststoffe können nur zwei Mal recycelt werden und laut Bundesregierung liegt die Recyclingquote von Plastikverpackungen bei nur 36 Prozent – der Rest wird verbrannt. „Es ist nichts Böses, wenn man Kunststoffe verbrennt“, meint Gerhard Wiedemann vom AWV, denn Abfälle in Müllverbrennungsanlagen werden für die Erzeugung von Strom und Wärme genutzt. Für den Plastikmüll in unserer Region ist das Duale System Deutschland (DSD) – der Grüne Punkt zuständig. Was genau das Unternehmen mit unserem Plastikmüll macht, weiß auch Wiedemann nicht. Das System sei „völlig intransparent“. Wiedemann möchte nicht ausschließen, dass auch unser Müll ins Ausland geht – ob er dort im Meer landet oder tatsächlich verbrannt oder recycelt wird, ließe sich nicht nachvollziehen.

Ist Bio-Plastik die Lösung?

Immer mehr sogenannten „ökologisch abbaubaren Kunststoffe“ gibt es mittlerweile auf dem Markt – zum Beispiel bei Tüten, Flaschen oder Folien. Der Markt ist zwar noch klein – aber könnte das die Lösung sein? Nein, meint Gerhard Wiedemann. Optisch unterscheidet sich eine ökologisch abbaubare Plastikfolie von einer herkömmlichen nicht. Wirft man die Bio-Folie in die Braune Tonne, sticht sie spätestens in der Sortieranlage zwischen Grünschnitt, Laub und Küchenabfällen hervor, wird aussortiert und landet dann doch wieder beim Plastikmüll für die Verbrennungsanlage. Denn bislang könnten die Sortieranlagen nicht erkennen, ob es sich um herkömmliche oder ökologisch abbaubare Folie handelt. Aus dem gleichen Grund rät Wiedemann auch von Bio-Mülltüten für die Braunen Tonne ab, denn das Material baut sich viel zu langsam in den Kompostieranlagen ab und würde sie verstopfen. Es reicht also nicht, nur auf andere Materialen zu setzen, es muss ein Umdenken unserer Wegwerfgesellschaft stattfinden.