12. Juni 2019, 11:38

Von der Fernhandelsmesse zum Volksfest

1963 findet die letzte Mess' innerhalb der Stadtmauern statt. Am Obstmarkt standen bis dahin große Fahrgeschäfte wie Schiffschaukeln und die Zugspitzbahn (siehe Foto von 1958) Bild: Fotohaus Hirsch
Heuer feiert die Nördlinger Mess’, das größte Volksfest Nordschwabens, vom 21. Juni bis 1. Juli ihr 800-jähriges Jubiläum. Grund genug, sich einmal intensiv mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.

Dass in diesem Jahr das 800-jährige Jubiläum der Mess’ überhaupt gefeiert werden kann, ist dem Fund einer Nürnberger Urkunde von 1219 zu verdanken. König Friedrich II. gestattete dem Nürnberger Münzmeister seinerzeit, auf dem Nördlinger Markt Münzen zu prägen. Dies wird in der 800 Jahre alten Urkunde erstmals erwähnt. Damals trafen sich Händler aus ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland im Ries. Die Veranstaltung entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen Motor für die Region und war in ein überörtliches Handelsnetz eingebunden. Schließlich wurde Nördlingen zum wichtigsten Handelszentrum in Süddeutschland und der Schweiz. 1486 gingen sogar bis in die Städte Straßburg, Sankt Gallen, Erfurt und Regensburg Einladungen nach Nördlingen. Stadtarchivar Dr. Winfried Sponsel erläutert, dass die Nördlinger Mess’ ein Ort der Hochfi nanz war und 1475 dort eine eigene Münzordnung galt. Die Messe war dabei nicht nur Fernhandelsmesse, sondern auch Marktplatz für Rieser Korn und die Handwerker des Rieses.

Die Mess’ muss sich neu erfinden

Im 14. und 15. Jahrhundert hatte die Nördlinger Mess’ ihre Hochphase, ehe ein Niedergang einsetzte. Ob dies an den Grafen von Oettingen lag oder an der Entdeckung Amerikas, was eine Verschiebung des Handels mit sich zog, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Immer wieder zeigte sich, dass sich die Nördlinger Messe neu erfi nden musste, sei es wegen der Industrialisierung oder aufgrund verschiedener Konkurrenzveranstaltungen. mEnde des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Messe zum Jahrmarkt und hatte mehr und mehr Unterhaltungscharakter. Das 20. Jahrhundert begann mit dem katastrophalen 1. Weltkrieg. Dieser überschattete die erfolgreiche Mess’ des Jahres 1914. Ab 1915 fiel sie kriegsbedingt aus. Erst 1919 fand erneut ein Jahrmarkt statt, wenn auch nur für fünf Tage. In den folgenden Jahren lief die Mess’ gut, doch mit dem Aufstieg der NSDAP zogen neue dunkle Wolken auf. 1933 beschloss der Stadtrat, jüdische Kaufleute von der nächsten Messe auszuschließen. Trotz des Krieges gab es bis ins Jahr 1942 eine Mess’. Nach den Kriegsjahren fand sie erst wieder 1947 statt.

Ab 1964 auf der Kaiserwiese

Bis zum Jahr 1963 fand die Mess’ innerhalb der Stadtmauern statt. Am Obstmarkt standen damals die großen Fahrgeschäfte wie Schiffschaukel und Zugspitzbahn. Bei der letzten Mess’ in der Innenstadt waren rund 230 Händler gemeldet. 1964 zog das Spektakel wegen dem geplanten Ausbau der Bundesstraße 25 in der Innenstadt auf die Kaiserwiese. Die Übergangslösung wurde zum neuen Standort. Seit 1965 steht zur Mess’ ein Festzelt auf der Kaiserwiese, wie wir es heute kennen. 1988 wurde auf 25 Jahre Mess’ auf der Kaiserwiese zurückgeblickt. In diesem Jahr wurde auch der Festumzug eingeführt. 1994 wurde das 775-jährige Jubiläum der Nördlinger Mess’ mit einer Fotoausstellung gefeiert. Das Fahrgeschäft „Speedy“ kam als Weltneuheit nach Nördlingen, ebenso die Etagengeisterbahn.

Heute ist die Nördlinger Mess’ eines der größten Volksfeste in Schwaben und das größte in Nordschwaben. Jedes Jahr kommen hunderttausende Besucher nach Nördlingen. Dabei hat sich die Mess’ weiterhin den Charakter eines Handelsmarktes erhalten, auch wenn für viele Besucher mittlerweile der Jahrmarkt im Fokus steht.