21. Januar 2020, 14:03

Eger Viertel oder „Anker-Ghetto“?

Eine große Anzahl an Interessierten kam zur Bürgerinformationsveranstaltung in den Saal der Alten Schranne. Bild: Maximilian Bosch
Die geplante Neugestaltung des Anker-Geländes in Nördlingen erhitzt die Gemüter: Bei der Informationsveranstaltung am Montagabend im Schrannensaal mussten die Planer teils deutliche Kritik einstecken.

Oberbürgermeister Hermann Faul hatte definitiv recht, als er in der Begrüßung sagte, dass das Eger Viertel das „Thema Nummer 1“ in der Stadt Nördlingen sein werde, sobald das Hallenbad einmal fertig sei – vielleicht aber auch schon vorher. Denn auf Einladung der Stadt Nördlingen, der Eigentümerfamilie Haag und des Augsburger Unternehmens EcoResidential kamen circa 250 Interessierte, um sich über die Planungen zu informieren und ihre Meinung kundzutun.

EcoResidential-Geschäftsführer Stephan Deurer hatte ein Team aus Fachleuten mitgebracht, die detailliert Auskunft zu den durch das Bauprojekt zu erwartenden Veränderungen rund um das Gelände gaben – und zwar hinsichtlich Naturschutz, Verkehr, Lärm, Grundwasser und Statik umliegender Gebäude, insbesondere der Stadtmauer. Allen voran erläuterte Architekt Reiner Schlientz aus Nördlingen die Planungen und konnte mit Computergrafiken anschaulich darstellen, wie es in dem Gebiet an der Baldinger Mauer einmal aussehen soll.

Was das Projekt beinhaltet

Im Eger Viertel sind eine Kindertagesstätte mit 124 Plätzen (Krippe, Kindergarten und Hort), eine Beratungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge, 250 m² Büroflächen, 26 seniorengerechte Wohnungen und 52 Eigentumswohnungen geplant. Darunter kommt eine Tiefgarage mit 125 Stellplätzen. Ein Spielplatz auf der anderen Seite der Stadtmauer, durch einen Durchgang zu erreichen, soll das Ensemble komplettieren.

Man habe in den vergangenen zwei Jahren viel über Nördlingen gelernt, meinte Stephan Deurer, und betonte, dass EcoResidential versuche, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Die Fachleute gaben sich Mühe, die vorhandenen Bedenken zu zerstreuen. Hinsichtlich des Schalls beispielsweise würden alle Kriterien für ein allgemeines Wohngebiet eingehalten. Mit zusätzlichem Verkehrsaufkommen sei entlang der Baldinger Mauer, in der Ankergasse und Bei der Steinernen Brücke zu rechnen. Die Baugrube für die Tiefgarage soll mittels besonders stabiler Bohrpfahlwände frei von Grundwasser gehalten werden, womit eine Grundwasserabsenkung außerhalb der Baustelle vermieden werden könne. Auch die Verformungsprognose für die Stadtmauer sei mit maximal 1,2 cm vertikaler Verschiebung und 0,8 cm horizontaler Verschiebung unbedenklich.

Viele Fragen aus dem Publikum

Mehrere Wortmeldungen der Anwohner drehten sich anschließend darum, dass an ihrem Anwesen noch keine Beweissicherung stattgefunden habe, also die Dokumentation des Zustands ihres Hauses vor Beginn der Bauarbeiten. Andere hatten wiederum grundsätzlich Probleme mit dem Projekt. Ein Kritikpunkt war die Menge der Wohnungen: Das Eger Viertel, wenn es in dieser Größe realisiert werde, „wird in einigen Jahren Anker-Ghetto heißen“, meinte einer der Anwesenden. Eine weitere Kritikerin bemängelte, dass das Projekt nicht dem Cittaslow-Gedanken Nördlingens entspreche, hier gehe es eher um „Citttafast“. Die Zunahme des Verkehrs, besonders wegen der Kita, wurde ebenfalls angekreidet.

Erhebliche Zweifel an den Plänen brachten die Nördlinger Bauunternehmer Werner Luther und Dieter Arlt vor. Beide begrüßten zwar das Projekt grundsätzlich. Allerdings sah Luther die Tiefgarage äußerst kritisch, da er selbst schon in der Nähe gebaut habe und daher aus Erfahrung Setzungen und Schäden an den umliegenden Gebäuden für unvermeidbar halte. Auch die benötigten Ausnahmen von der erst vor Kurzem neu aufgelegten Altstadtsatzung hinterfragte Luther. Für Dieter Arlt war das neue Stadtbild der Stein des Anstoßes: Die drei großen Giebel der geplanten Gebäude im Eger Viertel überragten die Stadtmauer deutlich. „Wenn das einmal gebaut ist, haben wir das mehr als 100 Jahre“, so der Bauunternehmer.

Deurer stand Rede und Antwort

Stephan Deurer, Rainer Schlientz und die anwesenden Gutachter versuchten nach Kräften, die Fragen zu beantworten und Sorgen zu zerstreuen. Die Menge der Wohnungen seien laut Deurer zum einen nötig für die Finanzierung des Projekts, zum anderen entspreche eine hohe Verdichtung des Wohnraums den Anforderungen der heutigen Zeit. Dem zusätzlichen Verkehr durch die Kita stellte Deurer sauber ausgewiesene Stellplätze entlang der Baldinger Mauer entgegen. Sein Argument, die Mehrzahl der Eltern würde ihre Kinder zu Fuß bringen und abholen, erntete aber hauptsächlich Gelächter. Der EcoResidential-Geschäftsführer betonte mehrfach, die Sorgen der Nördlinger ernst zu nehmen, und versprach einen „total transparenten Prozess“.

Was die Ausnahmen von der Altstadtsatzung angeht, antwortete Deurer, dass die Pläne ursprünglich vor der Novelle der Satzung erstellt und danach entsprechend angepasst wurden. Es handele sich um „relativ wenige Ausnahmen“, Deurer ging aber nicht ins Detail, wie viele und welche genau das seien. Auch das werde noch „transparent diskutiert“. Jetzt sei erst einmal der Nördlinger Stadtrat am Zug, am 4. Februar steht das Thema auf dem Plan im Bauausschuss.

Als Zeitplan schwebt den Verantwortlichen vor, im Mai 2020 mit dem Abbruch der Bestandsgebäude zu beginnen. Archäologische Grabungen und die Sanierungen der ins Eger Viertel integrierten Baudenkmäler sollen sich anschließen, bis im April 2021 dann mit dem Bau der Tiefgarage begonnen wird. Der Hochbau soll im Zeitraum Juni 2021 bis Juni 2023 vonstattengehen. Mit dem Abschluss aller Arbeiten wird Mitte des Jahres 2023 gerechnet – bis dahin ist allerdings noch ein weiter Weg zu gehen, das wurde am Montag sehr deutlich.

Stephan Deurer bei der Bürgerinformationsveranstaltung im Schrannensaal Bild: Maximilian Bosch